Juni

Störche klappern ihr Liebeslied,
während das Glück leise durch die Straßen geht,
sich ab und an auf Bänke setzt,
sich an morsche Pforten lehnt,
in matte Scheiben hineinlinst,
vor alter Frauen Betten steht,
Babys beim Spielen und Krabbeln zusieht,
und bei allem ein bisschen lächelt.

Kurz darauf löscht es der Juniregen,
sodass nur Staub von ihm bleibt,
nichts, als dunkler Staub.
In Stille kam es und stille ging’s,
das Glück aus meinem Dorf.

 


Bildquelle

Windflüchter

Wie ein Windflüchter steh ich nach vorn gebeugt
unter der stetigen Last deiner Worte.
Mein Stamm, meine Wurzeln lassen mich nicht fliehen.
Meine Gedanken – ein Haus ohne Pforte.

Doch einem Leuchtturm gleich erleuchte ich hell
meine eigene, dunkle Not:
Hab ich doch mein Versprechen gegeben, mein Leben!
– Keine Bö nimmt mir die Butter vom Brot.

Und obwohl das mit dem Krümmen schon lange so geht,
auch an wind- und salzfreien Tagen,
ist es doch meist eine alte Laune der Natur
und nur manchmal ein inneres Klagen.

Der Trost: Windflüchter sind nicht tot zu kriegen,
sie beugen sich allen Gezeiten.
Ab und an muss man sich eben ein bisschen verbiegen,
will man das Leben bestreiten.

————————–

Bildquelle: hier

Lichtertöne

Der letzte Frost ist kalt wie je.
Der gräm’ge Winterabendgeist,
dem Lenz den Weg zum Friedhof weist,
frisst Morgentau aus Schnee.

Die letzte Nacht ist still wie je.
Der finst’ren Dunkeleinsamkeit,
der niemand eine Träne weint,
verwelkt das Seelenweh.

Der erste Morgen lacht wie nie.
Ein Rausch aus milden Tönen
komponiert mit purem Schönen
die Hoffnungssinfonie.

————–

 

Ganz unten

in der mülltüte
sitzt zwischen
brotresten
todesanzeigen
milchtüten
facebook-daumen
vollgeschnaubten taschentüchern
unnützen informationen
leeren plastikhüllen
käsekrümeln
müdigkeit
benutzten kaffeefiltern
und
ungenutzten möglichkeiten
mein mittlerweile schmutziges
Lyrisches Ich
und kämpft gegen den
erstickungstod.
zeit, den müll zu trennen in:
altstoffe (weg!)
reststoffe (weg!)
und
grünen punkt (weg?).
punkt.

Abschied

Ich wollte gar nichts Trauriges schreiben. Doch dann fiel mir Aylan Kurdi ein. Und mit ihm der ganze Rest.

—–

Unsere Meere werden zu Todesstätten
für kleine Kinder in Rot,
unsere Kunstwerke aus uraltem Stein
zum sicheren Weg in den Tod.

Unsere Cafés werden zum Trauerwall,
an dem wir Blumen ablegen,
unsere Seelen werden zu krüppeligen Höhlen,
die sich bis zum Rand füllen mit Regen.

Unsere Welt wird zum Chaos aus Angst und Macht,
in dem weder Unschuld noch Liebe
bewegen, beleben, überleben werden.
Denn unsere Erde ist eine blutende Wiege.

 

 

 

—–

Bild: Käthe Kollwitz „Tod, Frau und Kind“, 1910

Herbergssuche reloaded

Ich schau in die Krippe
und seh‘ nur nasse Sachen
von Kindern, die in Wellen starben
und nie mehr in Gesichter lachen.

Ich schau in die Krippe
und sehe nur Entzug:
Entzug der Zeit, des Friedens, der Liebe
– eine Welt aus Lügen und Trug.

Ich schau in die Krippe
und sehe, dass das Kind
auch heute im Stall geboren.
Wo dieses Jahr die Engel nur sind?

————
Ursprung des Bildes:
In der Türkei wurde eine Krippe mit Sachen von Flüchtlingskindern, die im Mittelmeer ertranken, „geschmückt“. Den Link zu den Bildern findet ihr hier

 

Die letzte Glut

Zu zweit allein, zusammen einsam –
so leben sie wie Zinnsoldaten
angestellt im Dienst der Zeitlosigkeit.
In ihren Gedankenspielen
kreuzen Ideen sich nicht mehr und Wege.

Im Nebel dieser Tage
ist ein jeder leere Hülle
und nach außen hin wie Stein.

Wenn sie sich doch nur drehen könnten,
in diesen Stunden ohne Licht,
sie würde ihr Ohr an seine Eisenbrust legen
und nach seinem furchtbar leisen Herzschlag lauschen
und dann seinen Panzer küssen.

Ihr glühender Kuss würde ein kleines Loch
in seine Jahrzehnte alte Stumpfheit schneiden,
durch das ihr Herz das seine rasch
aufwecken und beatmen könnte.

Mit letzter Kraft und letzter Glut
hofft sie es zu schaffen.
Denn ohne ihn wird ihr immer kälter,
und sie will nicht – jetzt noch nicht –
in sich lebendig erfrieren.

 

————

Bildquelle

„Wir schaffen das“

Wir schaffen das.

 

Ich drehe diesen Satz hin und her, schmeiß ihn gegen die Wand, er kommt zurück. Wie ein Bumerang oder ein Gummiball. Wir schaffen das.

Er riecht ironiegetränkt. Dabei müsste er das gar nicht sein.

Wir – die Deutschen. Ein seit 25 Jahren vereintes Volk, dessen Bevölkerung unterschiedlicher nicht sein könnte. Und doch werden wir zusammengefasst, vereinheitlicht, angesprochen, all das in diesem kleinen „Wir”. Das gleiche „Wir”, das wir krakeelten, als ein Deutscher Papst wurde. Das gleiche „Wir”, das wir uns aus den Lungen schrien, als die schwarzweißen 11 den Weltmeistertitel holten.

Wir schaffen das. Was genau und wie, ja, das sind die großen Fragen, aus denen sich Skepsis, Bitterkeit und zum Teil Enttäuschung ergeben. Und dennoch ist es ein Slogan, der so viel Positives in sich trägt.

Nazideutschland ging ein in die Geschichte als ein Land, dessen Politik und Bevölkerung aktiv und passiv zum Tod von Millionen von Menschen beigetragen hat – und das aus recht egoistischen Vorsätzen: Die eigene Rasse voranstellend, Raum für neues Leben der eigenen Bevölkerung schaffend, anderes Leben so schnell und effektiv wie möglich auslöschend – Devisen, mit deren Grundlagen und Ausführungskonzepten wir uns immer noch schwertun, schließlich ist dieses Kapitel das schwärzeste der deutschen Geschichte.

Jetzt ist es genau andersherum: Die eigene Rasse hintenanstellend, Raum für neues Leben einer anderen Bevölkerung schaffend, anderes Leben so schnell und effektiv wie möglich rettend – Devisen, die löblicher und humaner kaum sein könnten. Es könnte das hellste Kapitel der deutschen – ja der europäischen Geschichte werden.

Aber es scheint, als würde nicht nur Osteuropa hasserfüllte Kritik gegenüber diesem Motto äußern, sogar die deutsche Bevölkerung findet sich nicht mit dieser Einstellung zurecht. Ist die Gradwende vom Nazi zum Flüchtlingsretter in so kurzer Zeit nicht durchführbar? Was, wenn das einzige Ziel dieser Ansage das Kompensieren einer dunklen und schmachvollen Vergangenheit ist?

Dieses Jahr wünsche ich mir zu Weihnachten, dass man das Wort „naiv” in „optimistisch” ändert. Dass man die Angst vor den Veränderungen in eine Hoffnung auf Wertegewinn eintauscht. Dass man lieber – auch wenn das unheimliche Opfer fordert – offen, als skeptisch sein möchte.

Der Weg ist keine Einbahnstraße, auch die Neuen müssen ihn gehen, entgegenkommen, tolerant sein, lernen. Genau wie wir. Und ob der Weg zur Sackgasse wird, in der es kein Umkehren, kein Laufen, nur Gedränge und Panik gibt, das liegt auch an uns. Ich glaube, wir schaffen das. Denn „Wir” ist das schönste Wort, dass ich seit dem Mauerfall gehört habe. Und geschafft haben wir schon ganz andere Dinge.