Die Heimat (Pl. Die Heimaten)

Ehrlich gesagt hüte ich mich meist davor, mir zu viele Gedanken über den Begriff „Heimat“ zu machen. „Zu Hause sein“ ist ein Synonym, das alltäglicher klingt und vielleicht nicht so schwer wiegt. Wikipedia meint dazu:

Der Begriff Heimat verweist zumeist auf eine Beziehung zwischen Mensch und Raum. Im allgemeinen Sprachgebrauch wird er auf den Ort angewendet, in den ein Mensch hineingeboren wird und in dem die frühesten Sozialisationserlebnisse stattfinden, die zunächst Identität, Charakter, Mentalität, Einstellungen und Weltauffassungen prägen.

Für mich ist das das „Vaterland“, an das man durch seine Geburt und sein soziales / sprachliches Umfeld gebunden ist. Aber was ist dann mit denen, die ihr Vaterland verlassen? Werden sie zu Heimatlosen, zu Wanderen, die nie ans Ziel gelangen? Und was ist mit all den Deutschen, die in der Geschichte loszogen, um wo anders glücklicher zu werden, die vor Kriegen flohen und schwere Schicksalsschläge durchstehend in fremden Ländern Fuß fassen mussten? Sind sie Deutsche? Wie viel Zeit braucht es, um zu assimilieren, jemand Anderes zu werden? Und … bleibt man Deutsch?

„Vergesse nie den Ort, wo deine Wiege stand. Du findest in der Ferne kein zweites Heimatland.“

Ein Unbekannter formulierte diese Worte, die mir meine Klassenlehrerin aus der Grundschule mit auf den Weg gab. Sind diese Worte wahr? Kann man an einem anderen Ort dieser Welt eine „Heimat“ finden? Oder sind alle Versuche zum Scheitern verurteilt, wird man nie wirklich wo anders hingehören? Ist das eine Illusion, die ich empfinde, wenn ich „daheim“ in Ungarn bin? Und… verliere ich meine alte Heimat irgendwann? Was passiert mit mir nach zwanzig, dreißig Jahren, die ich nicht in Deutschland gelebt habe? Verrotten meine Wurzeln in der Erde, unerkennbar für irgendwen, dass es mich dort einmal gab? Das Lexikon drückt sich rational aus. Und doch sind es einzig und allein Gefühle, die einen binden und leiten. Keine DNA und keine Zelle meines Körpers weist auf mein Deutschsein hin..

Eine große Rolle spielt in der Assimilationsfrage auch das Alter eines Menschen, der „auswandert“. Ich bin mit 18 Jahren nach Ungarn gezogen, habe die Sprache und Kultur studiert, habe mich an zuerst seltsam anmutende Verhaltensmuster und Denkweisen gewöhnt und muss feststellen, diese zum Teil auch übernommen zu haben. Nicht selten jedoch kommt es vor, dass ich „deutsch“ reagiere und Vergleiche ziehe. Wo ist dann bitte mein Zuhause? Bin ich doch zum Teil schon so „angekommen“, weshalb ich mich in Deutschland von Zeit zu Zeit als Außenstehende fühle, weil ich in allem spüre, dass ich den Großteil des Jahres nicht da bin? Doch empfängt mich die alte Heimat, ja, so nenne ich sie, als wäre ich nie weg gewesen, mit einer Selbstverständlichkeit, einer Ruhe, die sagt: „Geh nur, aber komm zurück, dieser Ort ist immer für dich da.“ Es fühlt sich an, als würde man sich nach einer langen Reise endlich ins Bett legen und die Bettwäsche trägt den eigenen Geruch. Nicht fremd, nicht anders. Es riecht nach einem selbst.

Aus Zwang wegziehen zu müssen aus der Heimat muss eine schlimme und grausame seelische wie körperliche Erfahrung sein. Gezwungen alles zu verlassen, neu anzufangen, alles abzubrechen, zu lernen. Viele Kriegsflüchtlinge und Vertriebene berichten von einer Liebe und Dankbarkeit, die sie dem neuen Land gegenüber empfinden, wenn es gut zu ihnen ist, wenn es Arbeit gibt und die Familie überleben kann. Dankbarkeit ist ein wichtiger Schlüsselbegriff, der die Aussiedlung und die neue Heimat zu etwas machen kann, das mehr ist, als nur ein anderes Land. Ich bin dankbar für die Offenheit, Toleranz und Freude, die andere mir gegenüber zeigten, als ich versuchte in Ungarn Fuß zu fassen. Keine Steine gab es da, keine Hürden, nur Menschen, die mir die Hand reichten und mir den ebenen Weg sogar noch leichter machten. Der jugendliche Freisinn, das „Nicht-drüber-Nachdenken“ und das Wissen darüber, dass ich ein Vater-Mutter-Land habe, in das ich jederzeit zurückgehen konnte, ließen mich Ungarn so lieben lernen, wie eine Heimat geliebt werden kann. 

Mein Vaterland ist Deutschland, ein großes, schönes, vielseitiges Land, dessen Sprache und Musik ich schon immer liebte. Es gab nichts schöneres, als in der Dresdner Semperoper Arien zu lauschen, im Theater Mann-Stücke zu besuchen, Gedichte auswendig zu lernen und Romane zu analysieren. Schubert zu spielen, Beethoven zu hören und Weihnachten die alten deutschen Weisen zu singen. Dresden bei Nacht in seiner prachtvollen Schönheit zu betrachten und nicht fassen zu können, an einem so wundervollen Ort zu Hause zu sein. Ein Vaterland ist ein Land, in dem man geboren wurde, in dem man aufwuchs, eingebettet in eine Familie. Was ist also mit meinen Eltern, meinen Geschwistern und Verwandten? Habe ich sie verlassen? Haben sie mich losgelassen? Und bin ich trotzdem ein vollwertiges Familienmitglied, auch wenn ich schon in so mancher schweren oder glückseligen Lebenslage gefehlt habe?

Mein Vater, meine Mutter. Deutsche. Menschen, die mich gelehrt haben, der zu sein, der ich bin. Die mir nicht verboten, über wilde Felsen zu klettern, mir aber tröstend wieder aufhalfen, wenn ich fiel. Ein schmaler Grad in der Erziehung, festhalten, loslassen, festhalten, loslassen. Ich schrieb von Dankbarkeit dem Land gegenüber, dass einen empfängt. Und es muss auch eine Dankbarkeit geben, die denen gilt, die einen losließen. Vielleicht ist das der stärkste Liebesbeweis überhaupt, den eine Mutter ihrem Kind erweisen kann. Ohne Vorwürfe, nur mit einem geflüsterten „Du kannst immer wieder zurück“. Danke.

Und wenn wir schon mal beim Thema Familie sind: Ich habe auch eine kleine Familie, die mich nunmehr an Ungarn bindet. Zweigeteilt? Oder doppelt eins? Doppel-Herz? Ja! Statt ein Körper ohne Arme und Beine zu sein, bin ich ein Mensch, dessen Kopf zwei Sprachen spricht und dessen Herz doppelt so viel Freude und Glück empfinden kann. Hier zu sein macht mich glücklich, jeden Tag. Und aus Deutschland zu kommen, Deutsche zu sein, ebenso. Meinen Kindern möchte ich später auch einmal die Möglichkeit geben, loszufliegen. Ob sie sich als Deutsche oder Ungarn fühlen, oder aber beides sind, das kann man noch nicht sagen. Frei sollen sie sein. Ich werde ihnen vorleben, wie gut und schön und richtig es sein kann, zwei Orte auf der Welt zu haben, die man kennt und liebt. Und hoffentlich kann ich sie auch ziehen lassen…

Lew Tolstoi schrieb einst:

„Glücklich ist der, der zu Hause glücklich ist.“

Auch wenn ich noch viele Jahre hier leben werde, werde ich mich als Deutsche fühlen. Und ich denke, so ist es allen gegangen, die aus verschiedensten Gründen ihre Heimat verließen. Ungarin werde ich nicht, auch wenn ich hundert Jahre hier lebe. Das ist aber gar nicht schlimm. Denn die Ungarn haben eine Lösung für mein Dilemma parat: „Itthon“ – hier daheim und „Otthon“ – dort daheim. Was für ein unfassbar großes Glück.

Um glücklich zu sein an einem anderen Ufer des Weltmeeres braucht es zwei Dinge. Einen, der einen liebt, dort, wo man strandet und einen, der einen liebt, dort, wo man schwimmen gelernt hat.

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