Ungarn und Ich – Teil I

Als ich im Kindergartenalter war, verkündete ich bereits, dass ich nach Ungarn ziehen würde. Ich kann mich nicht erinnern, was ich dort wollte oder warum ich mir das wünschte, aber ich fühlte darin eine Selbstverständlichkeit, die man vielleicht auch als Berufung bezeichnen könnte. 

In meiner Kindheit verbrachte ich viele Stunden barfüßig auf den sonnenwarmen Dorfstraßen im südungarischen Újpetre, genoss den Duft von Hühnern und Hunden und war vollkommen Kind. Es fühlte sich nicht wie Urlaub an, denn es war ein Teil Heimat, nicht zuletzt, weil meine Uroma bei uns war. Sie stammt aus diesem Dorf, wurde jedoch gegen Kriegsende zusammen mit ihrer vierjährigen Tochter nach Deutschland vertrieben.  Wir nahmen sie mit auf unsere Ungarnfahrten und nachdem sie sich einen Kittel übergeworfen hatte, setzte sie sich in den Hof und blöckelte Bohnen oder flocht Paprikazöpfe mit den anderen Frauen. Sie war der Dreh- und Angelpunkt meines kindlichen Denkens, zu ihr fühle ich mich bis heute verbunden, ohne sagen zu können, was genau es ist, das uns verbindet. Sie war nie eine Frau vieler Worte, aber ich konnte mir ihrer Zuneigung und Aufmerksamkeit immer sicher sein. Dankbar waren wir, wenn sie an dunklen Winternachmittagen unserem Spiel lauschte oder für uns Nudelsuppe kochte, von der wir drei oder vier Teller aßen. Sie war immer irgendwie da: warm und duftend und bereit, uns so anzunehmen, wie wir waren. Auf mich strahlte sie eine unglaubliche Stärke aus. Ihre breiten Handgelenke und ihre kräftigen Hände, die von einem harten Leben voller Arbeit und Sorgen kündeten, mit ihren tiefen Furchen und Schwielen, verrichteten schnell und ohne Zögern jede Tätigkeit. Sie strickte, stopfte, kochte, buk, harkte und jätete und erntete im Garten und manchmal flocht sie mir die Haare. Heute noch, wenn ich nach Hause fahre oder mich verabschiede, umarmt sie mich mit solch einer Kraft, einen kurzen Augenblick nur, aber mit aller Festigkeit und Herzlichkeit, und sagt ohne Worte alles.

Sie saß dort in Újpetre in der Sommerhitze, die nur ihr nichts auszumachen schien, zu ihren Füßen Schüsseln voller Zwiebeln, Bohnen oder Paprika und ein, zwei Katzen schliefen unter ihrem Stuhl, während sie vergnügt arbeitete. Und sie sprach wieder diese weiche holprige Sprache, die ich seit Kindestagen liebte und die ich auch verstehen wollte.

Manchmal ließen wir sie für ein, zwei Wochen bei ihrer Familie, die sie so selten sah und begannen andere Teile des Landes zu erkunden. So kam es, dass ich mit sieben Jahren das erste Mal heißen (nunmehr heißgeliebten) Pusztasand unter den Füßen spürte. Von da an war es um mich geschehen: War es bisher nur ein kleines Dorf, ein Hof, ein Weinberg und die alten Frauen in ihren dunkelblauen und schwarzen Sonntagstrachten, denen ich nach dem Gottesdienst beim Plaudern zuhörte und zwischen denen ich mich glücklich fühlte, so erkannte ich nun etwas viel Größeres: Es war die Seele dieses Landes, die sich vor mir bis zum Horizont ausbreitete und mich willkommen hieß und die mich von nun an nie mehr loslassen würde.

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