Premiere von „Bandscheibenvorfall – ein Abend für Leute mit Haltungsschäden“

Am 5. April 2014 fand in der Deutschen Bühne in Szekszárd die Premiere des aus der Feder von Ingrid Lausund stammenden Stückes „Bandscheibenvorfall – ein Abend für Leute mit Haltungsschäden” statt. Der Titel ließ schon erahnen, dass dies kein leicht verdaulicher Brocken werden würde. Moralisch wie psychologisch eine tiefgreifende Reise der Gefühle – das war es, was den Zuschauer erwartete.

Das Stück ist bereits im Gange. Rechts und links der beleuchteten Tür mit der Aufschrift „Boss“ befinden sich große dreidimensionale Textreihen, die Sätze wie „Never cry in puplic again“ (Werde nie wieder in der Öffentlichkeit weinen) enthalten. Als Kulisse dienen neben der riesigen Bürotür große weiße Buchstaben, die je nach Szene verschiedene Funktionen erfüllen. In dieser Eingangsszene bilden sie Sitzmöglichkeiten für die sich fiebernd auf ein Gespräch vorbereitenden Personen und einen Stehtisch, an dem Kaffee getrunken wird.
Die fünf Protagonisten sind hektisch und aufgeregt dabei, einige der vielen auf der Bühne befindlichen Ordner zu durchwühlen, Papiere zu sortieren und sich bestmöglich vorzubereiten. Verbale Kommunikation zwischen Ihnen findet nicht statt, doch ist eindeutig, dass es sich um Rivalen handelt, um Konkurrenten, die kein gemeinsames Ziel verfolgen.
Die Spannung nimmt durch die Stille noch zu, als sich alle stumm vor dem Büro aufstellen und auf das Zeichen zum Eintritt warten. Nach und nach muss jeder einzeln in die „Höhle des Löwen“.
Der Boss, für den Zuschauer nur eine Vision, behandelt seine Mitarbeiter wie Marionetten. Die fünf Stereotypen: Die taffe, aber intrigante Businessfrau Schmitt (Christine Heller), der bis aufs kleinste Detail vorbereitete und selbstbewusste Karrierist Hufschmidt (Robert F. Martin), die kompetente und freundliche Kollegin Kristensen (Kata Lotz), der angepasste Witzemacher und Kaffeeverteiler Kretzky (Raphael Gregor Koeb) und der liebenswürdige, schwache, alles Schön redende Kruse (Michael Kehr) müssen teils einzeln, teils in Gruppen Aufgaben erfüllen. Ihr Versagen beim Chef überspielen sie, wenn sie noch die Kraft dazu haben, um vor den Anderen gut dazustehen (was mit reichlich Galgenhumor dargestellt wird, als Kristensen zum Beispiel mit einem Lächeln im Gesicht – und einem Messer im Rücken – aus dem Chefbüro kommt). Auch wenn menschliche Gefühle füreinander oder das Suchen von positiven Eigenschaften im Anderen in Nuancen existieren, schenkt keiner dem Anderen auch nur eine Minute, alle kämpfen mit Ellenbogen um die berufliche Anerkennung, die scheinbar immer ausbleibt. Teamarbeit, Menschlichkeit, Zufriedenheit? Fehlanzeige. Stattdessen: Lügen, Gewalt und Katzbuckeln.
Das Lachen fällt einem trotz der vielen humoristischen Elemente schwer und wenn es doch hervorbricht, hat man entweder ein schlechtes Gewissen (da es auf Kosten eines der Charaktere geschieht) oder es bleibt einem auf halbem Weg im Halse stecken. Es ist deprimierend diesem Menschen-Zoo beim Agieren zuzuschauen. Noch deprimierender wird es, als die Fassade trotz aller Übertünchung und Maskierung bei jedem nach und nach zu bröckeln beginnt: In emotionalen Monologen brechen Ängste, Abgestumpftheit und tiefe seelische Verletzungen hervor. Der Preis für die berufliche Anerkennung scheint zu hoch zu sein: Eigene Gedanken und Gefühle gibt es nicht mehr, das Innere eines jeden ist komplett ausgebrannt.
Zum ersten Mal sind sich die 5 einig: Es reicht! Sie gehen („ganz weit weg“). Doch dem Zuschauer ist vollkommen klar: Das sind nur leere revolutionäre Parolen, diese fünf sind durch ein unsichtbares Band für immer an ihre Arbeit und die damit verbundene Erniedrigung gebunden. Warum? Warum nur?

Die mit Übertreibung, Ironie und schwarzem Humor getränkte Inszenierung von Cristian Ban kann sich absolut sehen lassen: Er weiß genau, wie er Alltagskrieg, persönliche Gefühle und unmenschliches Miteinander darstellen muss, um den Zuschauer zu fesseln, mitzureißen und die thematischen Inhalte des Stückes wirkungsvoll an den Mann bzw. die Frau zu bringen. Mit seinem minimalistischen und gleichzeitig genial-funktionalem Bühnenbild, mit einem Paradoxon aus intimen und menschlichen Szenenbildern (z.B. auf der Toilette oder beim Bohren in der Nase) auf der einen Seite und animalischen Situationen (z.B. als sich die Menschentiere daran machen, die Eingeweide ihres Mitkollegen zu fressen) auf der anderen, mit einem fesselnden Dialogtempo und unglaublich intensiver Spielenergie wird dieses Stück zu einem modernen und aufwühlenden Theatererlebnis, das noch lange nachwirken wird.

Das Musical-artige Ende bringt keine Erlösung, der Zuschauer bleibt angespannt zurück. Zum Glück: Denn was könnte eine bessere Aussagekraft haben, als das sich im Kreis drehende und schemaartige Verhalten dieser Menschen, die, obwohl sie erkennen, dass sie so viel von sich selbst verloren haben, sogar das Ausbrechen und damit die letzte Hoffnung aufgeben. Um weiter zu katzbuckeln, denn ein krummes Rückgrat kann eben nicht wieder geradegebogen werden.

Die Genialität des Stückes wird besonders dadurch unterstrichen, dass spürbar ist, dass die Erarbeitung für alle Beteiligten bereichernd war und dass die Schauspieler ihre Charaktere nicht nur mit Know-how, sondern mit Freude zum Leben erwecken. Das Ergebnis ist eine Vorstellung von hoher künstlerischer Qualität, die in jedem Theater dieser Welt ihren Mann stehen könnte. Eine beeindruckende Bühnenleistung also, die – im Gegensatz zu ihren Protagonisten – aufrecht, souverän und direkt daherkommt.

Besetzung:

KRETZKY – Raphael Koeb
HUFSCHMIDT – Robert Martin
SCHMITT – Christine Heller
KRISTENSEN – Kata Lotz
KRUSE – Michael Kehr

Regie : Cristian Ban
Bühne und Kostüme: Albert Alpár
Premiere : 05. April 2014

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