Honig

Ich will die Seele an dir laben,
an deinem Licht sie stillen,
sie mit Süße ganz auffüllen –
wie Bienen ihre Waben.

Mit dir kann ich nur fliegen,
und Abendröte kosten,
Kinderherzen trösten und
mich in Frieden wiegen.

So will und muss ich’s hüten,
dies eine leise Glück,
das wir mit Fleiß bestäuben,
wie Bienen Sommerblüten.

Die letzte Glut

Zu zweit allein, zusammen einsam –
so leben sie wie Zinnsoldaten
angestellt im Dienst der Zeitlosigkeit.
In ihren Gedankenspielen
kreuzen Ideen sich nicht mehr und Wege.

Im Nebel dieser Tage
ist ein jeder leere Hülle
und nach außen hin wie Stein.

Wenn sie sich doch nur drehen könnten,
in diesen Stunden ohne Licht,
sie würde ihr Ohr an seine Eisenbrust legen
und nach seinem furchtbar leisen Herzschlag lauschen
und dann seinen Panzer küssen.

Ihr glühender Kuss würde ein kleines Loch
in seine Jahrzehnte alte Stumpfheit schneiden,
durch das ihr Herz das seine rasch
aufwecken und beatmen könnte.

Mit letzter Kraft und letzter Glut
hofft sie es zu schaffen.
Denn ohne ihn wird ihr immer kälter,
und sie will nicht – jetzt noch nicht –
in sich lebendig erfrieren.

 

————

Bildquelle

„Wir schaffen das“

Wir schaffen das.

 

Ich drehe diesen Satz hin und her, schmeiß ihn gegen die Wand, er kommt zurück. Wie ein Bumerang oder ein Gummiball. Wir schaffen das.

Er riecht ironiegetränkt. Dabei müsste er das gar nicht sein.

Wir – die Deutschen. Ein seit 25 Jahren vereintes Volk, dessen Bevölkerung unterschiedlicher nicht sein könnte. Und doch werden wir zusammengefasst, vereinheitlicht, angesprochen, all das in diesem kleinen „Wir”. Das gleiche „Wir”, das wir krakeelten, als ein Deutscher Papst wurde. Das gleiche „Wir”, das wir uns aus den Lungen schrien, als die schwarzweißen 11 den Weltmeistertitel holten.

Wir schaffen das. Was genau und wie, ja, das sind die großen Fragen, aus denen sich Skepsis, Bitterkeit und zum Teil Enttäuschung ergeben. Und dennoch ist es ein Slogan, der so viel Positives in sich trägt.

Nazideutschland ging ein in die Geschichte als ein Land, dessen Politik und Bevölkerung aktiv und passiv zum Tod von Millionen von Menschen beigetragen hat – und das aus recht egoistischen Vorsätzen: Die eigene Rasse voranstellend, Raum für neues Leben der eigenen Bevölkerung schaffend, anderes Leben so schnell und effektiv wie möglich auslöschend – Devisen, mit deren Grundlagen und Ausführungskonzepten wir uns immer noch schwertun, schließlich ist dieses Kapitel das schwärzeste der deutschen Geschichte.

Jetzt ist es genau andersherum: Die eigene Rasse hintenanstellend, Raum für neues Leben einer anderen Bevölkerung schaffend, anderes Leben so schnell und effektiv wie möglich rettend – Devisen, die löblicher und humaner kaum sein könnten. Es könnte das hellste Kapitel der deutschen – ja der europäischen Geschichte werden.

Aber es scheint, als würde nicht nur Osteuropa hasserfüllte Kritik gegenüber diesem Motto äußern, sogar die deutsche Bevölkerung findet sich nicht mit dieser Einstellung zurecht. Ist die Gradwende vom Nazi zum Flüchtlingsretter in so kurzer Zeit nicht durchführbar? Was, wenn das einzige Ziel dieser Ansage das Kompensieren einer dunklen und schmachvollen Vergangenheit ist?

Dieses Jahr wünsche ich mir zu Weihnachten, dass man das Wort „naiv” in „optimistisch” ändert. Dass man die Angst vor den Veränderungen in eine Hoffnung auf Wertegewinn eintauscht. Dass man lieber – auch wenn das unheimliche Opfer fordert – offen, als skeptisch sein möchte.

Der Weg ist keine Einbahnstraße, auch die Neuen müssen ihn gehen, entgegenkommen, tolerant sein, lernen. Genau wie wir. Und ob der Weg zur Sackgasse wird, in der es kein Umkehren, kein Laufen, nur Gedränge und Panik gibt, das liegt auch an uns. Ich glaube, wir schaffen das. Denn „Wir” ist das schönste Wort, dass ich seit dem Mauerfall gehört habe. Und geschafft haben wir schon ganz andere Dinge.

 

 

Spät nachts (Mascha Kaléko)

(aus gegebenem Anlass)

Jetzt ruhn auch schon die letzten Großstadthäuser
Im Tanzpalast ist die Musik verstummt
Bis auf den Boy, der einen Schlager summt.
Und hinter Schenkentüren wird es leiser

Es schläft der Lärm der Autos und Maschinen,
Und blasse Kinder träumen still vom Glück.
Ein Ehepaar kehrt stumm vom Fest zurück,
Die dürren Schatten zittern auf Gardinen.

Ein Omnibus durchrattert tote Straßen.
Auf kalter Parkbank schnarcht ein Vagabund.
Durch dunkle Tore irrt ein fremder Hund
Und weint um Menschen, die ihn blind vergaßen.

In schwarzen Fetzen hängt die Nacht zerrissen,
Und wer ein Bett hat, ging schon längst zur Ruh.
Jetzt fallen selbst dem Mond die Augen zu …
Nur Kranke stöhnen wach in ihren Kissen.

Es ist so still, als könnte nichts geschehen.
Jetzt schweigt des Tages Lied vom Kampf ums Brot.
– Nur irgendwo geht einer in den Tod.
Und morgen wird es in der Zeitung stehen …

Kinderherz

Kinder entdecken die Welt in oft unnachvollziehbaren Schritten und auf verzweigten Wegen – nicht selten fragt man sich: „Woher weiß er/sie das?“ Mein Sohn (5) sammelte gestern auf einem Ausflug Maiskolben auf einem Feld und begann diese auf dem Weg zu verteilen. Die Maiskörner sollten kleine Bomben sein und wir (meine Tochter, 3, und ich) sollten uns bei jedem die Ohren zuhalten. Nachdem er das Spiel für einige Zeit gespielt hatte, hielt er inne und sagte ganz ernst:

Wenn irgendwo Bomben geworfen werden, verwelkt die Welt.

Wahrer könnte eine Aussage gar nicht sein. In dem Moment, in dem wir beginnen, uns zu bekriegen, Waffen zu entwickeln und uns zum Ziel setzen, Menschen zu töten – ja, in diesem Moment welken wir und mit uns die ganze Welt. Wie gut, dass ich die Welt meiner Kinder und ihre Herzen (noch) vor der Grausamkeit und Habgier Anderer schützen kann… Und wie gut, dass sie mein trauriges Herz zu trösten vermögen.

Kopfrauschen

Keine Ahnung, warum das Schreiben momentan nicht klappt, aber in meinem Kopf ist nur Rauschen.

Mal ist es so laut, dass ich am liebsten tausend Zeilen voll schreiben wöllte, doch ich denke bei jeder – die sagt nichts. Die reicht nicht. Das Wort ist nicht genug.

Und andermal ist es so leise, dass ich gar nichts höre, als wäre mein Kopf mit Weiß- und Grautönen benebelt.

Es ist die Unmenge an Wörtern und Sätzen, die ich Tag für Tag „konsumiere“, abspeichere, analysiere und die meinen Kopf leer und mein Herz überschwer machen.

Dieses Rauschen nervt. Ich will wieder klar sehen und klar denken können. Will nicht mehr manipuliert, umgestimmt und kategorisiert werden. Hoffentlich hört es bald auf…

Goldgelb

Goldgelb verzweigt sich ein Apfelsaftstrudel
in meinem 1 Euro teuren Ikea-Glas,
sodass ich durch Gewalt eines blaugelben Strohhalms
für Sekunden meine wirbelnden Gedanken vergaß.

Goldgelb verzweigen sich des Frühjunis Strahlen,
denn Möchtegern-Sturmwolken schreien bereits,
diese alles Licht zerreißenden Gebilde
sind scheinbare Vorboten eines Totengeleits,

denn goldgelb verzweigt sich auch das Ährenmeer
in langsam erblassender Weizengischt,
noch träumt jeder Halm, wähnt honigwarme Süße,
nicht wissend: Der Mähdrescher verfehlt ihn nicht.

Es scheint ganz so, als ob dieses goldgelbe Spiel
eine vom Himmel geschenkte Frist nur ist,
die nicht lang andauert und dafür gedacht,
dass man im Dunkeln dies Licht nicht vergisst.

Neues Layout und neuer Wind im Gedankengarten

Hallo liebe Leser,

nach über einem Jahr dachte ich, es ist Zeit für Veränderungen. Die stehen mir gerade in allen Lebensbereichen an, deshalb dachte ich, ein bisschen Frische und Farbe könne nicht schaden. Aber natürlich interessiert mich eure Meinung zum neuen Layout des Blogs:

In nächster Zukunft wird es wieder einige Gedichte geben. Die Zahl nimmt stetig zu, was mich daran denken lässt, ein paar dieser „Blumen“ in einem Band zu veröffentlichen. Noch ist die Idee unreif, genau so wie einige Texte, aber ich hoffe, Ende des Jahres 2015 eine ISBN-Nr. online stellen zu können.

Ich wünsche all meinen Lesern einen sonnentrunkenen Frühlingstag und sende euch allen ein riesiges Danke für eure Besuche hier!

Eure Kathamané

An alle Vertriebenen dieser Welt: „Überfahrt“ von Mascha Kaléko

Wir haben keinen Freund auf dieser Welt.
Nur Gott. Den haben sie mit uns vertrieben.
Von all den Vielen ist nur er geblieben.
Sonst keiner, der in Treue zu uns hält.

Kein Herz, das dort am Ufer um uns weint;
Nur Wind und Meer, die leise uns beklagen.
Laß uns dies alles still zu zweien tragen,
Daß keine Träne freue unseren Feind.

Sei du im Dunkeln nah. Mir wird so bang.
Ich habe Vaterland und Heim verlassen.
Es wartet so viel Weh auf fremden Gassen.
Gib du mir deine Hand. Der Weg ist lang.

Und wenn das Schiff auf fremder See zerschellt,
wir sind einander mit dem Blut verschrieben.
Wir haben keinen Freund auf dieser Welt.
Es bleibt das eine nur: uns sehr zu lieben.

Mascha Kaléko (1945)

———–

Foto „Einsamkeit “ von Lukas_Ka

Federtraum

Die Sterne formen Mitternacht,
der Tag ist fort, vertan.
Leis‘ zerfällt er in tausende Federn
wie ein einsam sterbender Schwan.

Und wir zerfallen ebenso,
wie Glut nach einem Brand,
schweben in tausend Molekülen
und schlafen doch Hand in Hand.

Die Sonne bringt ein Aufersteh’n.
Ich seh‘ im Morgenerwarten:
Du bist mein Haus, mein Dach, mein Herd
und ich, ich bin dein Garten.