Happy Birthday, kleiner Gedankengarten!

Am 26. Februar 2014 habe ich das erste Mal einen Post auf diesem Blog veröffentlicht. Das ist nun auf den Tag genau ein Jahr her und aus diesem Grund möchte ich ein paar Zeilen dazu verfassen.

In dieser Zeit hatte der Gedankengarten insgesamt 3866 Aufrufe von 1838 Besuchern, die sich unter den insgesamt 69 Posts umgesehen haben. Nachdem es ursprünglich um Literatur im Allgemeinen gehen sollte, ist dann dennoch eine kleine Gedichteplattform daraus geworden.

Zwei meiner Gedichte wurden bereits in Anthologien veröffentlicht, die Artikel über das deutsche Theater in Ungarn, die DBU, werden regelmäßig in der Zeitung der Ungarndeutschen, der Neuen Zeitung abgedruckt.

Leider hatte ich in der letzten Zeit weder Kraft noch Muse, um kreativ zu sein und Gedanken schön verpacken zu können, doch ich hoffe, dass sich das schon bald ändert. Auch im nächsten Jahr sollen eigene Gedichte und Artikel, beziehungsweise Memoiren der Kaléko an erster Stelle stehen.

Doch es geht hier nicht nur um mich und meine Schreibereien, sondern vor allem: um euch. Danke an alle, die ab und an vorbeigucken, die mir Kommentare hinterlassen oder mir andersweitig zeigen, dass ihnen die Blumen im Gedankengarten gefallen. Mir bedeutet das unheimlich viel und obwohl das Internet eine uneinsehbare riesige anonyme Welt ist, ist dieser Blog für mich wie ein kleines privates Atelier – ein kleiner Garten eben.

Danke an alle Besucher und Leser und Happy Birthday, Gedankengarten! 🙂

Wenn die Wellen über mir zusammenschlagen,
tauche ich hinab,
nach Perlen zu fischen.

Mascha Kaleko

Eure Kathamané

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Heimweh

Ich bekomme Heimweh, wenn ich weiß, wann ich nach Hause fahren werde.
Das ist eine seltsame Sache, denn man könnte ja auch Heimweh bekommen, wenn „einem nun Mal so ist”. In meinem Fall „ist mir so”, wenn mich von daheim nur noch ein paar Tage trennen.
Ich habe, wenn es warm ist, nie Heimweh, nur wenn die Tage kürzer und die Nächte kälter werden. Das muss mit meinem Geburtstag und dem heimatlichen Advent zusammen hängen, schließlich war diese Zeit für mich als Kind die schönste. Seit diesen Tagen singe ich in jeder Vorweihnachtszeit täglich einmal alle Lieder durch, die ich kenne, nur um sie zu ehren und zu üben, damit ich auch ja keine Strophe vergesse. Das tue ich mit einem kindlichen Fleiß, obwohl ich dem Christkind oder dem Weihnachtsmann schon seit vielen Jahren nichts mehr vortragen muss.
Zu den mir liebsten Gesängen gehören „Sind die Lichter angezündet”, „Tausend Sterne sind ein Dom”, „Es ist ein Ros entspruchen”, „Maria durch ein Dornwald ging” und „Vom Himmel hoch, da komm ich her”. Aber wenn ich ehrlich bin, würde ich die Aufzählung gern weiterführen… Diese Lieder singe ich für mich und für das Kind in mir, das ich mit mir trage auf meinen neuen Wegen. Ich singe sie genau so, wie damals, habe zu den Tönen und Klängen die haargenau gleichen Bilder im Kopf.
Das ist für mich Weihnachten. Die Bilder zu diesen Liedern, die mir die Kindheit geschenkt und meine Seele bewahrt haben.
Auf einem Chorkonzert am Sonntag war ich in der katholischen Kirche in Zomba, nicht weit von meinem Dorf, mit dem Medinaer Chor. Ich saß noch nicht ganz in meiner Bank, als ich die Auftrittsliste bekam. Erster Teilnehmer: Donauschwäbischer Chor „Sonnenblume”. Wir würden erst an siebter Stelle singen. Noch während ich mir Gedanken darüber machte, ob wir während des ersten Beitrags schunkeln würden, begannen die „Sonnenblumen” ganz zart, ganz fein und ganz leicht „Maria durch ein Dornwald ging” zu singen. Beim zweiten Takt war mein Gesicht tränenüberströmt und es schüttelte mich so sehr, dass ich es kaum verbergen konnte, wie sehr mich dieses Lied auf einmal getroffen hat. Mein ganzes Inneres brannte vor Sehnsucht und Heimweh, so plötzlich war mir der Boden unter den Füßen genommen, dass ich micht nicht fangen konnte – erst dann gelang mir ein tiefer Atemzug, als die letzten Töne verklangen.
Was ich nun brauche ist eine katholische Kirche, eine Orgel und ein paar meiner Weihnachtslieder. Und während mich meine musikalische Weihnacht mit sich trägt, werde ich inmitten derer, die ich am liebsten habe, sein.
Ich wünsche all meinen Lesern und Feunden, Bekannten, aber auch allen Unbekannten dieser Welt, dass auch ihnen ein Lied erklingt, dass ihnen die Botschaft der Weihnacht und die Glückseligkeit vergangener Kindheitstage ins Herz zu pflanzen vermag.

Maria durch ein Dornwald ging

Frohe Weihnachten!

Ein Kompositionsversuch

Vor einer Weile kam mir beim Klimpern auf dem Klavier folgende Melodie in den Sinn, die mich an ein Gedicht von Mascha Kaléko erinnerte. Diese Aufnahme ist noch ganz unprofessionell, ein Rohling sozusagen, doch schon bald folgt eine Studioaufnahme mit Geige, Klavier und zweistimmigem Gesang.

Die noch rohe Aufnahme zur Vertonung des Gedichts „Herbstmelancholie“ von Mascha Kaléko findet ihr

hier.

Liebe Grüße an alle Leser!

Kathamané

Ein erfülltes Leben

Tiefe Schatten im Gesicht,
müde, hohle Blicke,
so schaut sie auf aus ihrem Bett,
und grüßt leis, voller Mühe.

Aus ihrer Mitte führen Schläuche
Säfte ab in Beutel.
Unter Laken harrt der Tod
Und küsst nachts ihren Scheitel.

Sie hat auf ihrem Sterbebett
ein Buch sogar geschrieben.
Vom Kampf, von Mut, von Bitterkeit –
ein echtes Märchen eben.

Nur das Happy End bleibt aus.
Nach tausenden Visiten
ruft sie ihn, den Liebsten nun;
sie hat genug gelitten.

Ein letztes Wort, dann seine Hand –
das letzte, was sie spürt –
bevor sie lächelnd sich erlöst,
durch Gott, der sie erhört.

So ist denn Irdisches vollbracht.
Ihr Abschied, nur ein Hauch:
„Ich hatte ein erfülltes Leben
und glücklich war ich auch.“

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In Gedenken an Dóra Mittelholcz (1981-2014, ungarische Journalistin)
die am 29. Oktober 2014 nach vierjährigem, mutigem Kampf gegen Gebärmutterhalskrebs verstarb.

mehr dazu auf Ungarisch: hier

Gedanken über das starke schwächere Geschlecht I: Die Tränen der Frauen

In den kommenden Tagen werde ich aus verschiedenen Aspekten die Kraft und Bedeutung von Frauen in der heutigen und in vergangenen Gesellschaften beleuchten. Heute beginne ich mit Gedanken über die Frauen meiner Familie, auf die ich sehr stolz bin und von denen ich gelernt habe, selbst eine Frau zu sein, die bewusst ihren Weg geht. In der letzten Zeit habe ich mich auch ausführlich mit dem Schicksal berühmter Frauen auseinandergesetzt, wie das der großen Königinnen von England und Schottland, über die ich ebenfalls berichten möchte. Doch der erste Teil dieser Reihe soll „meinen“ Frauen gewidmet sein.

„Die Tränen der Frauen“

Es sind Frauen, die durch die Vertreibung aus ihrer ungarischen Heimat tapfer und mutig einen neuen Weg beschreiten mussten. Oder die ein Leben lang währende Ungewissheit über das Schicksal des geliebten Vaters mit sich tragen mussten, der in den Nebelschwaden des Krieges verschwand. Oder eine Liebe, die im zarten Alter von 16 Jahren begann und mit einem Kind gesegnet wurde, die aber noch vor dem 60. Geburtstag ein schmerzvolles und unerklärliches Ende finden musste. Oder ein sinnloser und viel zu früher Tod einer jungen Frau durch die Auswirkungen der damaligen Spritzmittel. Es geht um Familien, um Einsamkeit, um Verluste, um Weitermachen.

Wenn ich in das Dorf Újpetre fahre, aus dem die Frauen meiner Familie stammen, wenn ich auf ihren Wegen gehe, ihre Häuser besuche, nach dem Mittagessen mit ihnen beim Kaffee sitze oder nach der Messe noch ein paar Worte mit ihnen wechsle, wenn ich an ihrer Seite den Friedhof besuche und Blumen niederlege – dann fühle ich eine unglaubliche Kraft, die von diesen Frauen ausgeht. Es erklingen Geschichten, die einem das Herz brechen und die Tränen in die Augen treiben. Wir sitzen zusammen in kleinen Küchen und uns verbindet das Frausein und der Respekt vor der jeweils anderen. Eine Beziehung, die mit nichts anderem in dieser Welt zu vergleichen ist. Die Männer wissen um dieses Band und um die Bedeutung dieser Zusammenkünfte. Jede von uns geht weiser und stärker aus ihnen hervor und es ist meine feste Überzeugung, dass die Männer uns brauchen und auf unsere Zähheit angewiesen sind, weshalb sie entweder lauschend bei uns sitzen oder aber uns Zeit schenken, um unser Gemeinsamsein zelebrieren zu können.

Die kleinste Frau, meine Tochter, wird bald drei Jahre alt. Durch ihr Wesen, ihr großes Herz, ihre Offenheit und ihre Willensstärke ist sie eine von uns. Sie sitzt in Újpetre inmitten der Generationen meiner Familie, als säße sie in der Kirche, sie lauscht und beobachtet uns und findet ohne Zögern ihren Platz zwischen uns. Ich bin sehr stolz auf dieses kleine fertige Tochterkind, das in mir heranwuchs und das eine helle, klare und starke Seele besitzt – die ein Erbe eben dieser Frauen ist.

Wenn uns wieder ein Schicksalschlag ereilt, wenn ein neues Leben geboren wird oder aber ein anderes geht, dann müssen wir Frauen zueinander finden, uns gegenseitig stützen, um gestärkt weiterzugehen auf unserem Weg. In den verschiedenen Kulturen der Welt gibt es die ergreifensten und emotionalsten Rituale dafür, einander in Geburt und Tod beizustehen. Da mir nicht nur Worte, sondern vor allem Musik sehr am Herzen liegt, möchte ich hiermit bewegende Melodien des Volks der Russinen vorstellen, einem vergessenen Bergvolk aus den Karpaten. Die Lieder, die allesamt von Trauer und Ziehenlassen handeln, gehen auch ohne jegliche Sprachkenntnisse tief unter die Haut. Die Stimmen und Melodien zeugen von einem tiefen fraulichen Bewusstsein und großem Schmerz und dennoch kann man förmlich hören, wie sie Schulter an Schulter stehen und sich an den Händen halten.

Ich wünsche allen, die in Trauer sind und einen schweren Verlust bewältigen müssen, dass diese Lieder Kraft schenken und dass sie von Menschen umgeben sind, die bei ihnen stehen und sie stützen, damit der neue, noch ungepflasterte Weg leichter betreten und beschritten werden kann.

Wir Frauen tragen oft schwer, doch wir tragen unser Kreuz gemeinsam.

Trauerlieder der Russinen: Die Tränen der Frauen

Informationen über das vergessene Bergvolk der Karpaten, die Russinen: hier

Premiere von „Equus“ der DBU am 5. Oktober 2014

Die Bühne ist in blaurotes Licht getaucht, Holzkästen dienen als Requisite, dazu ein paar Holztüren – Stalltüren – und ein Podest in der Mitte. Traurig-melancholische Musik ertönt, während die Schauspieler auf die Bühne treten, im Hintergrund Patz nehmen und ein einzelner Lichtstrahl auf eine der Hauptfiguren fällt:

„Du bist die letzte Chance für den Jungen!“ (Hesther zu Dysart)

Der Psychiater Martin Dysart (ausdrucksstark gespielt von Michael Kehr) hat weder Zeit, noch Lust für diesen neuen Fall, doch seine wertgeschätzte Kollegin, Hesther (absolut glaubhaft gespielt von Ildikó Frank), lässt nicht locker, denn sie weiß: Er ist der einzige, der diesem seltsamen Jungen helfen kann. Dessen Tat ist so schrecklich und so unerklärlich, dass der Zuschauer von der ersten Minute an gefesselt ist: Alan Strang (so jung, so begabt! -Sebastian Blechinger), ein 17jähriger Junge, hat in dem Reitstall, in dem er arbeitet, 4 Pferden die Augen mit einem Hufkratzer ausgestochen. Das Paradoxe daran: Er liebt, ja verehrt diese Tiere… Wie konnte es denn dazu kommen? Was ist geschehen?

„Equus…Equus!“ (Alan)

Der Titel des Stücks von Peter Shaffer, welches am 5. Oktober 2014 an der Deutschen Bühne Premiere hatte, hallt von den Wänden wider. Auf der Bühne liegt ein sich windender Junge, der in einem tiefen Albtraum gefangen „Equ!” schreit – so lange, bis er vom Pfleger (überragend in all seinen Rollen: Andrzei Jaslikowski) geweckt wird.
Vor den Augen des Publikums beginnt sich eine dramatische Krimigeschichte zu entwickeln, bei der die beiden Protagonisten nicht nur der Bluttat auf die Spur, sondern auch sich selbst und einander näherkommen. Die Parallelität des Stücks schafft Momente, in denen auf der Bühne gleichzeitig Erinnerungen und ein aktueller Erzählungsstrang zu sehen sind. Diese sind so klar und eindeutig gestaltet, dass der Zuschauer durch den Wechsel an Jetzt und Gestern noch tiefer in die Geschichte hineingezogen wird. Die minimalistische Requisite, die geringe Zahl an Schauspielern, Licht, Musik – alles unterstützt nur und lässt das Hauptaugenmerk auf dem Dialog zwischen Alan und seinem Psychiater ruhen.

„Religion ist das einzige Problem in unserer Familie, aber es ist unlösbar.“ (Frank zu Dysart)

Im Laufe der Therapie löst sich die Zunge des Jungen mit dem bösen Blick: Geständnisse und Einzelheiten kommen ans Licht, wie zum Beispiel das zarte Verhältnis Alans zu der jungen hübschen und vorwitzigen Jill (bezaubernd dargestellt von Melissa Hermann). Auch seine Eltern Dora (Kata Lotz) und Frank (Kilian Klapper) – beide intensiv und fantastisch gespielt – kommen zu Besuch, um Dysart über Geheimnisse und Seltsamkeiten Alan betreffend einzuweihen. Dieses Puzzle aus Erzähltem, Vorgespieltem und Erahntem macht das insgesamt drei Stunden währende Stück nicht für eine Sekunde langweilig.
Es ist ein Stück mit einer gewaltigen Nachricht, die das kleine Theater bis in seine letzte Ritze ausfüllt. Niemand kann sich diesem Strudel an Schuldgefühlen, Leidenschaft, Trotz, Hoffnung, Liebe, Verdrängen und Geheimnisvollem entziehen. Die Geschichte ist nicht nur eine über die Beziehung zwischen Mensch und Pferd, es ist gleichzeitig die Geschichte über Mensch und Gott, über Mann und Frau, über Mutter und Kind, über Dämonen und Engel, über Jung und Alt. Die Kernfrage schlechthin lautet: Wer oder was ist normal? Und ist normal gut? Wenn ja, gut für wen?

„Zweifel trage ich seit Jahren mit mir herum.“ (Dysart)

Beide Hauptfiguren haben ihre Teufel, ihre Dämonen, die von ihnen Besitz ergriffen haben. Die emotionale Handlung besteht aus Selbstzweifeln auf Seiten Dysarts und aus Aufarbeitung bei Alan, der unter der Anbetung seines Gottes, Equus, leidet. Wie ein „X“ von dessen unteren Ende sich Alan mit Hilfe seines Therapeuten nach oben kämpft, in die normale Welt. Und von dessen oberen Ende aus Dysart immer mehr die eigenen Augen aufgehen. Er fällt langsam nach unten, hat schlimme Albträume. In der Schlüsselszene treffen beide in der Mitte des „X“ aufeinander, halten sich, erkennen sich. Das Ende selbst ist offen, was unter Anderem dazu beitragen wird, dass dem Zuschauer dieses Stück sehr lange nicht aus dem Kopf gehen wird.

Die gefühlsmäßig tiefgreifende und aufrüttelnde Inszenierung des weltberühmten Stücks von Peter Shaffer, das 1975 mit dem Tony Award für das beste Theaterstück geehrt wurde, ist das Ergebnis einer Zusammenarbeit der Theater(off)ensive Salzburg mit der Deutschen Bühne Ungarn, die schon im Jahr 2011 mit der Ausarbeitung des Stückes „Wallenberg“ Früchte trug. Dem Ensemble ist anzumerken, dass die Kooperation mit dem Regisseur Alex Linse eine zwar sehr intensive, aber auch sehr positive Erfahrung für alle Beteiligten war. Dem Szekszárder Publikum jedenfalls blieb vorerst die Spucke weg. Doch nach einem tiefen Atemzug wurden die Schauspieler mit einem ehrlich berührten, kräftigen Applaus belohnt. Bleibt zu hoffen, dass dieses Stück noch viele Zuschauer haben wird und die kommenden Aufführungen in Szekszárd, wie in Salzburg, genau so erfolgreich und beeindruckend gelingen werden.

Mitwirkende:

Dysart – Michael Kehr
Alan – Sebastian Blechinger
Hesther – Ildikó Frank
Dora – Kata Lotz
Jill – Melissa Hermann
Frank – Kilian Klapper
Mr. Dalton, Pfleger, junger Reiter – Andrzei Jaslikowski
Pferde – Ildikó Frank, Kata Lotz, Kilian Klapper, Andrzei Jaslikowski

Regie und Bühnenbild: Alex Linse
Masken: Andrea Linse

Premiere: 05. 10. 2014
Anfang der Probezeit: 08. 09. 2014

weitere Infos: hier

September (Auszug)

(Übersetzung aus dem Ungarischen)

Auszug aus dem Gedicht: Szeptember von István Fekete (Infos hier)

Originalgedicht hier

„Noch sind die Bäume grün und die Bäche redsam, noch wiegt sich der Wald mit sommerlichem Knistern, wenn sich der Wind auflehnt, doch die Nächte sind verstummt und legen im Geheimen heruntergefallene gelbe Blätter übereinander.
Noch öffnen sich Blüten am Wegesrand, am Stamme alter Steinkreuze, doch die Egge beerdigt bereits den Sommer…
Üppig und füllig sind die Stöcke an den lachenden Hügelhängen und Marmor reifende frohe Fässer läuten die Weinlese ein, doch Herbstkäfer beweinen schon die Abende und der Schatten der alten Nussbäume ist länger als er selbst…“

Mascha Kaléko: Herbst-Melancholie

(Ich möchte euch eines meiner Lieblingsherbstgedichte vorstellen. Meiner Meinung nach ist es einfach perfekt, anders kann ich es nicht ausdrücken. Die bedrückende Stimmung wird von der Eleganz und der Schlüssigkeit der Zeilen weggespült – zumindest geht es mir so. Lasst euch von den Worten der Kaléko die Seele verzaubern…)

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Mir welkt kein Garten.
Ich habe keinen.
Kein Haus, durch das Oktoberwinde weinen.
Mir tut das schwärzeste Gewölk nicht weh,
Weil ich so selten nur den Himmel seh.

Ich ziel nicht mehr auf goldne Himmelssterne.
Mich tröstet eine kleine Gaslaterne.
Mich täuscht kein Glück, enttäuscht kein Warten.
Mich schmerzt kein Herbst,
Mir welkt kein Garten…

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Ein Märchen von großen Träumen

Es war einmal ein altes Nashorn, das hatte einen großen Traum.
Seit es denken konnte – und das konnte es schon sehr lange, denn Nashörner werden meist sehr alt – nun, seit es denken konnte, wünschte es sich einen Regenbogen. Wenn es regnete, legte es sich auf eine Wiese unweit von seinem Sandloch und schaute in den trüben Himmel.
Eines Tages kam ein Erdmännchen vorbei und beguckte sich das traurige, in den Himmel starrende Nashorn. Es kippte seinen kleinen Kopf erst auf die eine, dann auf die andere Seite, zuckte unschlüssig mit den kleinen schmalen Schultern und machte dann einen winzigen Tippelschritt auf unser Nashorn zu. Schließlich sprach es:
„Du! Was guckst du so in den Regen, als ob du unter Tropfen begraben werden wolltest?“
Unser Nashorn blickte nicht zur Seite, sondern starrte weiter gen Himmel. Plötzlich antwortete es ganz leise, so leise, dass sogar ein Erdmännchenohr es kaum verstehen konnte:
„Ich wünsche mir einen Regenbogen. Einen, der bleibt.“
Das Erdmännchen begann zu kichern. „Wie stellst du dir das denn vor? Das geht doch gar nicht, bist du nicht ganz richtig in deinem großen grauen Kopf?“ Immer noch vor sich hin kichernd ging es von dannen.
Nach einer Weile, es regnete immer noch aus Kannen und die Sonne schlief tief und fest hinter dicken Regenwolken, kam eine Giraffe vorbei. Sie war weniger schüchtern, senkte ihren langen Hals zu dem Nashorn und schnüffelte an seinem Kopf. Als ihr klar wurde, dass es sich tatsächlich um ein Nashorn handeln musste, fragte sie mit einer hohen, madammigen Stimme:
„Ich will ja nicht weiter stören, nur scheint es mir, als ob Sie Kummer hätten. Dürfte ich denn vorsichtig anfragen, was Ihnen das Herz belastet, mein Freund?“
Und auch jetzt drehte das Nashorn nicht mal seinen Kopf, es blickte lange blinzelnd und mit verklärt-nassem Blick in die Wolken. „Ich wünsche mir einen Regenbogen. Einen, der bleibt.“
Die Giraffe gluckste, als sie die leisen Worte vernahm. „Ach ja? Nun, ich sag Ihnen was. Ich kenne eine Giraffe, die wollte auch einen Regenbogen – na ja, zum Essen natürlich. Immer wenn die Sonne schien und es regnete und ein Regenbogen über der Savanne erschien, nun, jedes Mal schnappte sie nach ihm, sie versuchte sogar zu hüpfen dabei! Nun ja, ich brauche nicht extra zu erwähnen, dass das Unterfangen gar keinen, aber wirklich gar keinen Sinn machte. Lieber Freund, ich denke, Sie sollten über etwas anderes tagträumen, sonst verkommen Sie noch vor lauter Kummer.“ Da ihr Ratschlag unbeantwortet blieb, machte sie sich auf ihren großen Stelzen gemächlich davon, gluckste noch etwas und schüttelte von Zeit zu Zeit überlegen ihren Kopf.
Die Stunden gingen ins Land, es regnete immer weiter. Nachdem es drei Tage geregnet hatte, erhob sich das traurige Nashorn und wollte zu seinem Sandloch zurückkehren. Als es dieses erreichte, staunte es: Aus seinem Sandloch war ein riesiger See geworden, das Wasser der Savanne hatte sich in einer großen Mulde gesammelt und durch Rinnsale und Bäche wurde der See bis hin zum Meer mit Wasser gespeist. Als unser Nashorn da so stand und auf die Wassermassen blickte, erkannte es sein Spiegelbild. Riesige, runde Nashorntränen rollten ihm über sein Gesicht, vorbei an seinem Horn, bis hinunter auf seine krummen, stämmigen Beine. Es fühlte sich, als ob ihm die Lebenskraft ausgehen würde und legte sich neben den See. Da piepste es auf einem Mal neben ihm:
„He du! Du liegst im Weg, möcht ich meinen!“ Das Nashorn wollte niemandem im Weg liegen und schaute sich um. Dort, an seinem rechten Fuß, saß eine kleine Schnecke mit einem länglichen, hübsch gezwirbelten Schneckenhaus und schaute ziemlich böse. Ihre Fühler wackelten aufgeregt, als sie wiederum sprach: „Ich habe nicht viel Zeit, ich muss ins Wasser zurück, sonst trockne ich aus! Und wenn ich um dich herum kriechen müsste, dann wäre es aus und vorbei mit mir! Bitte geh mir aus dem Weg!“ Das Nashorn erhob sich langsam und trat ein wenig zur Seite.
Beim Vorbeikriechen hatte die Schnecke eine Menge Zeit, also fragte sie: „Was machst du eigentlich hier? Und wieso bist du so niedergeschlagen?“
Da sagte das Nashorn wiederum und diesmal noch viel trauriger: „Ich wünsche mir einen Regenbogen. Einen, der bleibt.“ Die Schnecke kroch weiter und wackelte wild mit ihren Fühlern. „Aha, ich verstehe. Mm, ich denke, du musst dich auf einen Kompromiss einstellen. Wenn es auch kein richtiger Regenbogen sein kann, denn du weißt ja wohl, dass das nicht geht, so habe ich doch eine Idee. Schau ins Wasser, dort wohnt jemand, der dein Regenbogen sein könnte!“
Und tatsächlich: In dem See, der aus dem vielen Regenwasser, dem Sandloch und all den anderen kleinen Schluchten und Gräben geworden war, tummelten sich Fische und Wasserschnecken. Und einer war unter ihnen, der war so schön und schimmerte so hell, dass sich das Nashorn entzückt nach unten beugte um den Fisch zu bestaunen. Als dieser sah, dass er zum Publikumsliebling mutiert war, kam er an die Oberfläche und sprach lächelnd: „Hallo, ich bin ein Regenbogenfisch. Ich wünsche mir einen Dinosaurier zum Freund. Du siehst aus wie einer!“ Das Nashorn lachte und antwortete: „Ich will gern dein Dinosaurierfreund sein. Ich wünsche mir einen Regenbogen. Einen, der bleibt.“ Der Fisch klatschte mit seinen Flossen vor Aufregung: „Gut, gut! So wollen wir es machen: Ich bleibe hier bei dir und du bleibst bei mir. Ich will dein Regenbogen sein und du bist mein Dinosaurierfreund.“
Von diesem Tag an waren die beiden unzertrennlich.