Ein erfülltes Leben

Tiefe Schatten im Gesicht,
müde, hohle Blicke,
so schaut sie auf aus ihrem Bett,
und grüßt leis, voller Mühe.

Aus ihrer Mitte führen Schläuche
Säfte ab in Beutel.
Unter Laken harrt der Tod
Und küsst nachts ihren Scheitel.

Sie hat auf ihrem Sterbebett
ein Buch sogar geschrieben.
Vom Kampf, von Mut, von Bitterkeit –
ein echtes Märchen eben.

Nur das Happy End bleibt aus.
Nach tausenden Visiten
ruft sie ihn, den Liebsten nun;
sie hat genug gelitten.

Ein letztes Wort, dann seine Hand –
das letzte, was sie spürt –
bevor sie lächelnd sich erlöst,
durch Gott, der sie erhört.

So ist denn Irdisches vollbracht.
Ihr Abschied, nur ein Hauch:
„Ich hatte ein erfülltes Leben
und glücklich war ich auch.“

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In Gedenken an Dóra Mittelholcz (1981-2014, ungarische Journalistin)
die am 29. Oktober 2014 nach vierjährigem, mutigem Kampf gegen Gebärmutterhalskrebs verstarb.

mehr dazu auf Ungarisch: hier

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Gedanken über das starke schwächere Geschlecht I: Die Tränen der Frauen

In den kommenden Tagen werde ich aus verschiedenen Aspekten die Kraft und Bedeutung von Frauen in der heutigen und in vergangenen Gesellschaften beleuchten. Heute beginne ich mit Gedanken über die Frauen meiner Familie, auf die ich sehr stolz bin und von denen ich gelernt habe, selbst eine Frau zu sein, die bewusst ihren Weg geht. In der letzten Zeit habe ich mich auch ausführlich mit dem Schicksal berühmter Frauen auseinandergesetzt, wie das der großen Königinnen von England und Schottland, über die ich ebenfalls berichten möchte. Doch der erste Teil dieser Reihe soll „meinen“ Frauen gewidmet sein.

„Die Tränen der Frauen“

Es sind Frauen, die durch die Vertreibung aus ihrer ungarischen Heimat tapfer und mutig einen neuen Weg beschreiten mussten. Oder die ein Leben lang währende Ungewissheit über das Schicksal des geliebten Vaters mit sich tragen mussten, der in den Nebelschwaden des Krieges verschwand. Oder eine Liebe, die im zarten Alter von 16 Jahren begann und mit einem Kind gesegnet wurde, die aber noch vor dem 60. Geburtstag ein schmerzvolles und unerklärliches Ende finden musste. Oder ein sinnloser und viel zu früher Tod einer jungen Frau durch die Auswirkungen der damaligen Spritzmittel. Es geht um Familien, um Einsamkeit, um Verluste, um Weitermachen.

Wenn ich in das Dorf Újpetre fahre, aus dem die Frauen meiner Familie stammen, wenn ich auf ihren Wegen gehe, ihre Häuser besuche, nach dem Mittagessen mit ihnen beim Kaffee sitze oder nach der Messe noch ein paar Worte mit ihnen wechsle, wenn ich an ihrer Seite den Friedhof besuche und Blumen niederlege – dann fühle ich eine unglaubliche Kraft, die von diesen Frauen ausgeht. Es erklingen Geschichten, die einem das Herz brechen und die Tränen in die Augen treiben. Wir sitzen zusammen in kleinen Küchen und uns verbindet das Frausein und der Respekt vor der jeweils anderen. Eine Beziehung, die mit nichts anderem in dieser Welt zu vergleichen ist. Die Männer wissen um dieses Band und um die Bedeutung dieser Zusammenkünfte. Jede von uns geht weiser und stärker aus ihnen hervor und es ist meine feste Überzeugung, dass die Männer uns brauchen und auf unsere Zähheit angewiesen sind, weshalb sie entweder lauschend bei uns sitzen oder aber uns Zeit schenken, um unser Gemeinsamsein zelebrieren zu können.

Die kleinste Frau, meine Tochter, wird bald drei Jahre alt. Durch ihr Wesen, ihr großes Herz, ihre Offenheit und ihre Willensstärke ist sie eine von uns. Sie sitzt in Újpetre inmitten der Generationen meiner Familie, als säße sie in der Kirche, sie lauscht und beobachtet uns und findet ohne Zögern ihren Platz zwischen uns. Ich bin sehr stolz auf dieses kleine fertige Tochterkind, das in mir heranwuchs und das eine helle, klare und starke Seele besitzt – die ein Erbe eben dieser Frauen ist.

Wenn uns wieder ein Schicksalschlag ereilt, wenn ein neues Leben geboren wird oder aber ein anderes geht, dann müssen wir Frauen zueinander finden, uns gegenseitig stützen, um gestärkt weiterzugehen auf unserem Weg. In den verschiedenen Kulturen der Welt gibt es die ergreifensten und emotionalsten Rituale dafür, einander in Geburt und Tod beizustehen. Da mir nicht nur Worte, sondern vor allem Musik sehr am Herzen liegt, möchte ich hiermit bewegende Melodien des Volks der Russinen vorstellen, einem vergessenen Bergvolk aus den Karpaten. Die Lieder, die allesamt von Trauer und Ziehenlassen handeln, gehen auch ohne jegliche Sprachkenntnisse tief unter die Haut. Die Stimmen und Melodien zeugen von einem tiefen fraulichen Bewusstsein und großem Schmerz und dennoch kann man förmlich hören, wie sie Schulter an Schulter stehen und sich an den Händen halten.

Ich wünsche allen, die in Trauer sind und einen schweren Verlust bewältigen müssen, dass diese Lieder Kraft schenken und dass sie von Menschen umgeben sind, die bei ihnen stehen und sie stützen, damit der neue, noch ungepflasterte Weg leichter betreten und beschritten werden kann.

Wir Frauen tragen oft schwer, doch wir tragen unser Kreuz gemeinsam.

Trauerlieder der Russinen: Die Tränen der Frauen

Informationen über das vergessene Bergvolk der Karpaten, die Russinen: hier

September (Auszug)

(Übersetzung aus dem Ungarischen)

Auszug aus dem Gedicht: Szeptember von István Fekete (Infos hier)

Originalgedicht hier

„Noch sind die Bäume grün und die Bäche redsam, noch wiegt sich der Wald mit sommerlichem Knistern, wenn sich der Wind auflehnt, doch die Nächte sind verstummt und legen im Geheimen heruntergefallene gelbe Blätter übereinander.
Noch öffnen sich Blüten am Wegesrand, am Stamme alter Steinkreuze, doch die Egge beerdigt bereits den Sommer…
Üppig und füllig sind die Stöcke an den lachenden Hügelhängen und Marmor reifende frohe Fässer läuten die Weinlese ein, doch Herbstkäfer beweinen schon die Abende und der Schatten der alten Nussbäume ist länger als er selbst…“

Petőfi und der 15. März

Der 15. März. Nationalfeiertag der Ungarn. Der Tag, an dem man denen gedenkt, die im Freiheitskampf 1848 kämpften und fielen und auch denen Kränze niederlegt, die im 1. und 2. Weltkrieg ihr Leben ließen.

Es ist ein Tag, den die Ungarn mit Würde und Stolz begehen. An der linken Seite der Jacken, über dem Herzen, tragen sie die Kokarde, die von weitem wie eine kleine Frühlingsblume aussieht. Überall läuten die Kirchenglocken, die Hymne ertönt und auch die Sonne scheint zu sagen: Dies ist ein Feiertag.

Ich denke an Petőfi die letzten Tage, an seine Taten und Worte. Nicht zum ersten Mal fühle ich mich ihm seltsam verbunden. Petőfi…

Mein Jugendheld ist er gewesen und mein Herzensdichter. Als jugendliches Mädchen mich nach Ungarn sehnend und das Herz bis zum Rande voll mit Fernweh las ich seine Gedichte – damals noch auf Deutsch. Seine Worte über mein geliebtes Tiefland und über die Liebe haben mich oft glauben gemacht, dass eine der Zutaten unserer Seelen die gleiche sein muss.

Seine Worte begleiteten mich viele Jahre lang. Mein Lieblingsbuch ist ein dunkelblauer alter Gedichtband in altdeutscher Schrift, in dem alles steht, was Petőfi je schrieb, von einem Josef Steinbach übersetzt und 1902 herausgegeben. Unglaublich, wie jemand in solch kurzer Zeit 1108 Seiten lang Reime dichten und Gefühle in Zeilen fassen konnte. Ich habe diesen Band einmal durchgelesen und er ist gespickt mit kleinen Zetteln an Stellen, die mir besonders viel bedeuten. Petőfi…

Und nach fast 9 Jahren in Ungarn? Gibt es die rot-weiß-grüne Seele noch? Was von meinem Fernweh geblieben ist, das fühlte ich heute, als meine beiden kleinen Kinder mit Kokarde und Fahne Hand in Hand in der Sonne spazierten. Als wir gemeinsam den  Ungarn, Serben und Deutschen gedachten, die in unserem Dorf Medina Opfer der Weltkriege wurden. An unsere Ahnen und Familien dachten. Und als uns klar wurde: Wir sind die Zukunft. Und wir sind frei.

Heute höre ich Petőfi auf Ungarisch, sie sprechen sein „Nationallied“ überall und ich verstehe jede Zeile und das, was zwischen ihnen liegt. Selten nur, wenn ich allein bin, dann höre ich das Ungarische mit meinem Herzen und nicht mit meinem Kopf. Und denke immer an den, der so ähnlich fühlte, dass es mich manchmal beim Lesen im blauen Buch fröstelte. Ein gehauchter Gruß einer alten Seele an die meine? Petőfi…

Ausschnitt aus dem Nationallied (Sándor Petőfi)

Auf, die Heimat ruft, Magyaren!

Zeit ist’s, euch zum Kampf zu scharen!

Wollt ihr frei sein oder Knechte?

Wählt! Es geht um Ehr und Rechte!

Schwören wir beim Gott der Ahnen:

Nimmermehr beugen wir uns den Tyrannen!

Nimmermehr!

(…)

Unsre Kinder sollen später

an den Gräbern ihrer Väter

stets in dankbarem Gedenken

ehrfurchtsvoll die Häupter senken!

Schwören wir beim Gott der Ahnen:

Nimmermehr beugen wir uns den Tyrannen!

Nimmermehr!

 

 

 

 

 

 

Über Josef Michaelis

Während meiner Jahre an der Hochschule lernte ich die Werke vieler Dichter und Schriftsteller kennen und einer, der mich am meisten berührte, war Josef Michaelis. Der 1955 in Somberek, in der Branau geborene Lehrer für Deutsch und Geschichte lebt und arbeitet heute in Villány.

Nach mehreren Studien und Deutschlandaufenthalten und vielen vielen Gedichten (die er um Teil auch in Mundart schrieb) hat er 1991 einen großen Erfolg mit der Herausgabe des Buches „Zauberhut“, einem Band mit Gedichten und Märchen für Kinder. Ein Jahr später folgt sein Band „Sturmvolle Zeiten“. „Treibsand“, eine Sammlung verschiedener Texte, wird 2004 herausgegeben. Der Erfolg zieht Kreise: Seine Schriften werden in verschiedene Sprachen übersetzt und in mehreren Zeitschriften und Anthologien veröffentlicht. Josef Michaelis ist vielfacher Preisträger: 2007 erhielt er den Donauschwäbischen Kulturpreis des Landes Baden-Württemberg und 2010 durfte er den Preis „Für die Minderheiten“ in Budapest aus der Hand des Staatspräsidenten Pál Schmitt entgegen nehmen.

Doch nun möchte ich endlich das Gedicht vorstellen, dass mich so sehr anrührt. Es trifft in seiner Atmosphäre und mit seinen Worten genau die Art der alten ungarndeutschen Frauen, die ich kenne. Und das erstaunliche daran ist, dass es gleich ist, ob die eine (meine Uroma) seit 70 Jahren in Deutschland lebt, da sie vertrieben wurde oder ob sie, wie die andere (ihre Kusine) ein Leben lang in ihrem ungarndeutschen Dorf gelebt hat. Auf beide trifft dieses Gedicht zu, als hätte Michaelis sie gesehen, während er diese Worte niederschrieb…

Branauer Schwäbin

Mit ihrer Enkelin

spricht sie Ungarisch

Deutsch mit ihrem Hund,

ihrer Katze,

mit Fotos,

ihrem Gebetbuch,

ihren Verstorbenen,

mit sich selbst.

Bald,

im Kleindorf

als Letzte,

mit Gott.

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