An alle Vertriebenen dieser Welt: „Überfahrt“ von Mascha Kaléko

Wir haben keinen Freund auf dieser Welt.
Nur Gott. Den haben sie mit uns vertrieben.
Von all den Vielen ist nur er geblieben.
Sonst keiner, der in Treue zu uns hält.

Kein Herz, das dort am Ufer um uns weint;
Nur Wind und Meer, die leise uns beklagen.
Laß uns dies alles still zu zweien tragen,
Daß keine Träne freue unseren Feind.

Sei du im Dunkeln nah. Mir wird so bang.
Ich habe Vaterland und Heim verlassen.
Es wartet so viel Weh auf fremden Gassen.
Gib du mir deine Hand. Der Weg ist lang.

Und wenn das Schiff auf fremder See zerschellt,
wir sind einander mit dem Blut verschrieben.
Wir haben keinen Freund auf dieser Welt.
Es bleibt das eine nur: uns sehr zu lieben.

Mascha Kaléko (1945)

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Foto „Einsamkeit “ von Lukas_Ka

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Gedanken über das starke schwächere Geschlecht I: Die Tränen der Frauen

In den kommenden Tagen werde ich aus verschiedenen Aspekten die Kraft und Bedeutung von Frauen in der heutigen und in vergangenen Gesellschaften beleuchten. Heute beginne ich mit Gedanken über die Frauen meiner Familie, auf die ich sehr stolz bin und von denen ich gelernt habe, selbst eine Frau zu sein, die bewusst ihren Weg geht. In der letzten Zeit habe ich mich auch ausführlich mit dem Schicksal berühmter Frauen auseinandergesetzt, wie das der großen Königinnen von England und Schottland, über die ich ebenfalls berichten möchte. Doch der erste Teil dieser Reihe soll „meinen“ Frauen gewidmet sein.

„Die Tränen der Frauen“

Es sind Frauen, die durch die Vertreibung aus ihrer ungarischen Heimat tapfer und mutig einen neuen Weg beschreiten mussten. Oder die ein Leben lang währende Ungewissheit über das Schicksal des geliebten Vaters mit sich tragen mussten, der in den Nebelschwaden des Krieges verschwand. Oder eine Liebe, die im zarten Alter von 16 Jahren begann und mit einem Kind gesegnet wurde, die aber noch vor dem 60. Geburtstag ein schmerzvolles und unerklärliches Ende finden musste. Oder ein sinnloser und viel zu früher Tod einer jungen Frau durch die Auswirkungen der damaligen Spritzmittel. Es geht um Familien, um Einsamkeit, um Verluste, um Weitermachen.

Wenn ich in das Dorf Újpetre fahre, aus dem die Frauen meiner Familie stammen, wenn ich auf ihren Wegen gehe, ihre Häuser besuche, nach dem Mittagessen mit ihnen beim Kaffee sitze oder nach der Messe noch ein paar Worte mit ihnen wechsle, wenn ich an ihrer Seite den Friedhof besuche und Blumen niederlege – dann fühle ich eine unglaubliche Kraft, die von diesen Frauen ausgeht. Es erklingen Geschichten, die einem das Herz brechen und die Tränen in die Augen treiben. Wir sitzen zusammen in kleinen Küchen und uns verbindet das Frausein und der Respekt vor der jeweils anderen. Eine Beziehung, die mit nichts anderem in dieser Welt zu vergleichen ist. Die Männer wissen um dieses Band und um die Bedeutung dieser Zusammenkünfte. Jede von uns geht weiser und stärker aus ihnen hervor und es ist meine feste Überzeugung, dass die Männer uns brauchen und auf unsere Zähheit angewiesen sind, weshalb sie entweder lauschend bei uns sitzen oder aber uns Zeit schenken, um unser Gemeinsamsein zelebrieren zu können.

Die kleinste Frau, meine Tochter, wird bald drei Jahre alt. Durch ihr Wesen, ihr großes Herz, ihre Offenheit und ihre Willensstärke ist sie eine von uns. Sie sitzt in Újpetre inmitten der Generationen meiner Familie, als säße sie in der Kirche, sie lauscht und beobachtet uns und findet ohne Zögern ihren Platz zwischen uns. Ich bin sehr stolz auf dieses kleine fertige Tochterkind, das in mir heranwuchs und das eine helle, klare und starke Seele besitzt – die ein Erbe eben dieser Frauen ist.

Wenn uns wieder ein Schicksalschlag ereilt, wenn ein neues Leben geboren wird oder aber ein anderes geht, dann müssen wir Frauen zueinander finden, uns gegenseitig stützen, um gestärkt weiterzugehen auf unserem Weg. In den verschiedenen Kulturen der Welt gibt es die ergreifensten und emotionalsten Rituale dafür, einander in Geburt und Tod beizustehen. Da mir nicht nur Worte, sondern vor allem Musik sehr am Herzen liegt, möchte ich hiermit bewegende Melodien des Volks der Russinen vorstellen, einem vergessenen Bergvolk aus den Karpaten. Die Lieder, die allesamt von Trauer und Ziehenlassen handeln, gehen auch ohne jegliche Sprachkenntnisse tief unter die Haut. Die Stimmen und Melodien zeugen von einem tiefen fraulichen Bewusstsein und großem Schmerz und dennoch kann man förmlich hören, wie sie Schulter an Schulter stehen und sich an den Händen halten.

Ich wünsche allen, die in Trauer sind und einen schweren Verlust bewältigen müssen, dass diese Lieder Kraft schenken und dass sie von Menschen umgeben sind, die bei ihnen stehen und sie stützen, damit der neue, noch ungepflasterte Weg leichter betreten und beschritten werden kann.

Wir Frauen tragen oft schwer, doch wir tragen unser Kreuz gemeinsam.

Trauerlieder der Russinen: Die Tränen der Frauen

Informationen über das vergessene Bergvolk der Karpaten, die Russinen: hier

Premiere von „Equus“ der DBU am 5. Oktober 2014

Die Bühne ist in blaurotes Licht getaucht, Holzkästen dienen als Requisite, dazu ein paar Holztüren – Stalltüren – und ein Podest in der Mitte. Traurig-melancholische Musik ertönt, während die Schauspieler auf die Bühne treten, im Hintergrund Patz nehmen und ein einzelner Lichtstrahl auf eine der Hauptfiguren fällt:

„Du bist die letzte Chance für den Jungen!“ (Hesther zu Dysart)

Der Psychiater Martin Dysart (ausdrucksstark gespielt von Michael Kehr) hat weder Zeit, noch Lust für diesen neuen Fall, doch seine wertgeschätzte Kollegin, Hesther (absolut glaubhaft gespielt von Ildikó Frank), lässt nicht locker, denn sie weiß: Er ist der einzige, der diesem seltsamen Jungen helfen kann. Dessen Tat ist so schrecklich und so unerklärlich, dass der Zuschauer von der ersten Minute an gefesselt ist: Alan Strang (so jung, so begabt! -Sebastian Blechinger), ein 17jähriger Junge, hat in dem Reitstall, in dem er arbeitet, 4 Pferden die Augen mit einem Hufkratzer ausgestochen. Das Paradoxe daran: Er liebt, ja verehrt diese Tiere… Wie konnte es denn dazu kommen? Was ist geschehen?

„Equus…Equus!“ (Alan)

Der Titel des Stücks von Peter Shaffer, welches am 5. Oktober 2014 an der Deutschen Bühne Premiere hatte, hallt von den Wänden wider. Auf der Bühne liegt ein sich windender Junge, der in einem tiefen Albtraum gefangen „Equ!” schreit – so lange, bis er vom Pfleger (überragend in all seinen Rollen: Andrzei Jaslikowski) geweckt wird.
Vor den Augen des Publikums beginnt sich eine dramatische Krimigeschichte zu entwickeln, bei der die beiden Protagonisten nicht nur der Bluttat auf die Spur, sondern auch sich selbst und einander näherkommen. Die Parallelität des Stücks schafft Momente, in denen auf der Bühne gleichzeitig Erinnerungen und ein aktueller Erzählungsstrang zu sehen sind. Diese sind so klar und eindeutig gestaltet, dass der Zuschauer durch den Wechsel an Jetzt und Gestern noch tiefer in die Geschichte hineingezogen wird. Die minimalistische Requisite, die geringe Zahl an Schauspielern, Licht, Musik – alles unterstützt nur und lässt das Hauptaugenmerk auf dem Dialog zwischen Alan und seinem Psychiater ruhen.

„Religion ist das einzige Problem in unserer Familie, aber es ist unlösbar.“ (Frank zu Dysart)

Im Laufe der Therapie löst sich die Zunge des Jungen mit dem bösen Blick: Geständnisse und Einzelheiten kommen ans Licht, wie zum Beispiel das zarte Verhältnis Alans zu der jungen hübschen und vorwitzigen Jill (bezaubernd dargestellt von Melissa Hermann). Auch seine Eltern Dora (Kata Lotz) und Frank (Kilian Klapper) – beide intensiv und fantastisch gespielt – kommen zu Besuch, um Dysart über Geheimnisse und Seltsamkeiten Alan betreffend einzuweihen. Dieses Puzzle aus Erzähltem, Vorgespieltem und Erahntem macht das insgesamt drei Stunden währende Stück nicht für eine Sekunde langweilig.
Es ist ein Stück mit einer gewaltigen Nachricht, die das kleine Theater bis in seine letzte Ritze ausfüllt. Niemand kann sich diesem Strudel an Schuldgefühlen, Leidenschaft, Trotz, Hoffnung, Liebe, Verdrängen und Geheimnisvollem entziehen. Die Geschichte ist nicht nur eine über die Beziehung zwischen Mensch und Pferd, es ist gleichzeitig die Geschichte über Mensch und Gott, über Mann und Frau, über Mutter und Kind, über Dämonen und Engel, über Jung und Alt. Die Kernfrage schlechthin lautet: Wer oder was ist normal? Und ist normal gut? Wenn ja, gut für wen?

„Zweifel trage ich seit Jahren mit mir herum.“ (Dysart)

Beide Hauptfiguren haben ihre Teufel, ihre Dämonen, die von ihnen Besitz ergriffen haben. Die emotionale Handlung besteht aus Selbstzweifeln auf Seiten Dysarts und aus Aufarbeitung bei Alan, der unter der Anbetung seines Gottes, Equus, leidet. Wie ein „X“ von dessen unteren Ende sich Alan mit Hilfe seines Therapeuten nach oben kämpft, in die normale Welt. Und von dessen oberen Ende aus Dysart immer mehr die eigenen Augen aufgehen. Er fällt langsam nach unten, hat schlimme Albträume. In der Schlüsselszene treffen beide in der Mitte des „X“ aufeinander, halten sich, erkennen sich. Das Ende selbst ist offen, was unter Anderem dazu beitragen wird, dass dem Zuschauer dieses Stück sehr lange nicht aus dem Kopf gehen wird.

Die gefühlsmäßig tiefgreifende und aufrüttelnde Inszenierung des weltberühmten Stücks von Peter Shaffer, das 1975 mit dem Tony Award für das beste Theaterstück geehrt wurde, ist das Ergebnis einer Zusammenarbeit der Theater(off)ensive Salzburg mit der Deutschen Bühne Ungarn, die schon im Jahr 2011 mit der Ausarbeitung des Stückes „Wallenberg“ Früchte trug. Dem Ensemble ist anzumerken, dass die Kooperation mit dem Regisseur Alex Linse eine zwar sehr intensive, aber auch sehr positive Erfahrung für alle Beteiligten war. Dem Szekszárder Publikum jedenfalls blieb vorerst die Spucke weg. Doch nach einem tiefen Atemzug wurden die Schauspieler mit einem ehrlich berührten, kräftigen Applaus belohnt. Bleibt zu hoffen, dass dieses Stück noch viele Zuschauer haben wird und die kommenden Aufführungen in Szekszárd, wie in Salzburg, genau so erfolgreich und beeindruckend gelingen werden.

Mitwirkende:

Dysart – Michael Kehr
Alan – Sebastian Blechinger
Hesther – Ildikó Frank
Dora – Kata Lotz
Jill – Melissa Hermann
Frank – Kilian Klapper
Mr. Dalton, Pfleger, junger Reiter – Andrzei Jaslikowski
Pferde – Ildikó Frank, Kata Lotz, Kilian Klapper, Andrzei Jaslikowski

Regie und Bühnenbild: Alex Linse
Masken: Andrea Linse

Premiere: 05. 10. 2014
Anfang der Probezeit: 08. 09. 2014

weitere Infos: hier

Interview mit Schauspielern der DBU vom 1. Juni 2014

mit Tom Pilath, Robert F. Martin und Raphael Koeb

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Raphael Koeb   Robert F. Martin    Tom Pilath

Welches Stück hat dir in der (den) Spielzeit(en) besonders viel Freude gemacht und warum?

Robert:

Metadolce, weil ich dort so viele “Charaktere” spielen konnte.

Tom:

Momo hat mir am meisten Spaß gemacht. Da gibt es eine Stelle, an der ich jedes Mal was anderes spielen kann,  aus dem Stegreif. Außerdem war es eine tolle Zusammenarbeit mit meinen Spielpartnern und der Regisseurin.

Raphael:

Die grösste Herausforderung für mich als Schauspieler und Mensch war „Bandscheibenvorfall“. Ich hatte Freude die zum Teil absurden Situationen auf der Bühne ausleben zu dürfen.

Was nimmst du mit aus Ungarn, wenn du wieder nach Hause fährst?

Tom:

Eine Teflonpfanne, Kakaopulvervorrat aus dem CBA, Paprikapulvervorrat vom Wochenmarkt, 5 Liter Apfelsaft, falls der noch in die Tasche passt und eine neue Fremdsprache.

Raphael:

Eine Portion Selbstsicherheit und einen überfüllten Koffer.

Welchen Einfluss hatte die an der DBU verbrachte Zeit für deine Karriere?

Robert:

Ich habe viel über Teamverhalten und Probenatmosphäre gelernt. Meine Arbeitsweise als Schauspieler hat sich auch etwas verändert. Ich bin gespannt, wie sich das auf die Karriere auswirkt. Ich weiß auf jeden Fall eher, was ich machen möchte und was nicht. (lacht)

Tom:

Ich habe einige Vorsprechen abgelehnt, weil ich keine Zeit hatte. Dafür bin ich jetzt an meinem dritten Budapester Filmprojekt beteiligt. Es sind nur kleine Rollen, aber die hätte ich nicht gekriegt, wenn ich in Deutschland gewesen wäre.

Raphael:

Da wir als Schauspieler meist abhängig sind vom Urteil anderer wird sich das in naher Zukunft herausstellen.

Was war das schönste Ereignis in deiner Zeit in Ungarn?

Raphael:

Oh, da gibt es zuviel um ein Konkretes rauszufiltern! Ich habe meine Freizeit in vollen Zügen genossen mit Ausflügen, Essen, Wein, Musik, etc.

Robert:

Das Schönste war natürlich, am 30.5. von meinen lieben Kollegen den Ensemblepreis 2014 zu bekommen. Der Essensgutschein muss noch eingelöst werden, aber ich freue mich, dies gemeinsam mit ihnen zu tun. Das ist wirklich toll.

Tom:

Da gibt es so vieles. Vielleicht mit Kata Lotz und den jungen Amateuren „Stromausfall“ zu inszenieren.

Wirst du Szekszárd und die DBU besuchen kommen?

Raphael:

Ja klar! Wenn es sich ergibt, komme ich auf jeden Fall! Ich habe mich in Budapest verliebt und werde, falls ich die Stadt besuche, einen Abstecher nach Szekszárd machen!

Tom:

Weiß nicht. Aber bestimmt irgendwann einmal. Am liebsten dann als Regisseur. Aber da muss ich noch ein bisschen Erfahrung sammeln und die Intendantin fragen.

Robert:

Ja! Entweder schon im Herbst für die lang erwartete Fortsetzung der Zusammenarbeit der DBU und dem “Theater Offensive Salzburg” mit Stück “Equus” – oder in 10 Jahren in einer Boulevard Komödie, das würde mich freuen.

Was sind deine Pläne für die Zukunft?

Tom:

Schreiben, Filme machen, schauspielen. Ich werde als freischaffender Schauspieler arbeiten, aber parallel bewerbe ich mich noch an Filmhochschulen. Vielleicht fange ich auch einfach an Filme zu drehen. Mal sehen.

Robert:

Noch mehr Geld.

Raphael:

Arbeiten.

Wenn du Ungarn in einem Satz beschreiben müsstest, wie würde dieser Satz lauten?

Raphael:

Verwirrte Gastfreundlichkeit!

Robert:

Úgy még sohasem volt, hogy valahogy ne lett volna. (Es war noch nie so, dass es nicht irgendwie gewesen wäre.) The Show must go on.

Tom:

Depressive, fröhliche, offene und verschlossene Menschen treffen sich in einer leicht hügeligen Landschaft in einer Tanya, um miteinander zu musizieren. Das ist jetzt das erste was mir eingefallen ist.

Vielen Dank für das Interview und euch allen alles Liebe und Gute auf eurem weiteren Lebensweg!

weitere Infos über die DBU

Infos zu den Schauspielern:

Tom Pilath

Robert F. Martin

Raphael Koeb

Minispielzeit und Abschiede an der Deutschen Bühne Ungarn in Szekszárd

Am 29. und 30. Mai 2014 fand in Szekszárd an der Deutschen Bühne die Minispielzeit 2013/2014 statt. An zwei Tagen wurden die vier Stücke, die in diesem Jahr Premiere hatten, noch einmal vorgestellt. Am Donnerstag konnten sich die Besucher den gesellschaftskritischen „Bandscheibenvorfall – ein Abend für Leute mit Haltungsschäden” und das Märchen „Momo” ansehen, am Freitag folgten dann das Stück über verzweifelte Singles auf ihrer Suche nach der goßen Liebe „Metadolce” und ein Klassiker: „Ein Sommernachtstraum” von William Shakespeare.

Alle vier Vorstellungen waren gut besucht, nicht zuletzt deshalb, weil viele der Angehörigen der aus Deutschland und Österreich stammenden Schauspieler gekommen waren. Auch die Szekszárder liesen es sich nicht nehmen, das derzeitige Ensemble noch einmal live zu erleben. Denn leider bedeutet die Minispielzeit dieses Jahr einen großen Abschied: Sechs der dort engagierten Schauspieler kehren in ihr Heimatland zurück.

Tom Pilath zum Beispiel spielte bereits seit 2011 an der Deutschen Bühne. Trotz der deutschsprachigen Arbeitsatmosphäre hat er sich bemüht das Ungarische zu erlernen. Er spielte in mehr als 15 Stücken mit. Besonders beeindruckend und tiefgreifend war seine Hauptrolle in Kafkas „Der Käfer” als Gregor Samsa, den er mit großem Bravour umsetzte. Oft spielte er auch mehrere Rollen in einem Stück. Neben seiner Bühnentätigkeit engagierte Tom sich besonders für die Veranstaltung „5min”, einem Talentwettbewerb, bei dem einem Jeden für fünf Minuten die Bühne gehört. „5min” fand jeweils am letzten Freitag des Monats statt. Das Maskottchen „Ötci”, die Giraffe, die unbedingt etwas vorführen will, wurde von Dezső Horváth, Tom Pilath und Raul Ionescu zum Leben erweckt. Der Gewinner wurde jeweils vom Publikum gewählt und erhielt Eintrittskarten für die weiteren Veranstaltungen der Spielzeit.

Tom wirkte bereits in verschiedenen Filmproduktionen mit. So gewann sein Kurzfilm „Lovagolni” 2013 den ersten Platz beim Filmfestival Digi 24. Im gleichen Jahr erhielt er den Preis des Theaterensembles. Tom, der neben seiner schauspielerischen Tätigkeit auch schreibt und Musik macht, wird ab Sommer 2014 in Berlin wohnen.

Toms Homepage

Robert F. Martin, der seit einem Jahr an der Deutschen Bühne engagiert ist, wird sich mit ihm eine Wohnung in Berlin teilen. Die beiden haben sich in Szekszárd kennengelernt und über die offziellen Bühnenarbeiten hinaus viel kreative Zeit miteinander verbracht. Auch er besitzt bereits Erfahrung im Filmgeschäft, die er ab Juni 2014 weiter ausbauen möchte. Robert spielte an der Deutschen Bühne in ingesamt fünf Stücken mit. In „Metadolce” spielte er die Hauptrolle, den „Helden”, was bedeutete, dass er unzählig viele verschiedene Männertypen, vom Schüchternen, über den Draufgänger bis zum Trinker, darstellte. Doch nicht nur in diesem Stück, das sich mit der Beziehung zwischen Männern und Frauen, die auf der Suche nach dem Richtigen / der Richtigen sind, beschäftigt, war er zu sehen. Unvergessen bleiben auch seine Darstellung in Ingrid Lausunds „Bandscheibenvorfall” als Hufschmidt und seine sehr amüsante Rollenumsetzung als Zettel in „Ein Sommernachtstraum”. Am Ende der Minispielzeit wurde er mit dem Preis des Theaterensembles ausgezeichnet.

Roberts Homepage

Der Österreicher Raphael Koeb, der seinen Wohnort ebenfalls für ein Jahr nach Ungarn verlegte, durfte sich am Freitag Abend über den Preis des Schauspielers 2013/2014 freuen, der ihm von der aus Birgit Durand (ZAV), László Gergely (Regisseur) und György Karsai (Theaterkritiker) bestehenden Jury überreicht wurde. Der überaus charismatische und sympathische Raphael spielte in vier Stücken mit und lieh Kafkas Käfer seine Stimme. Neben der Schauspielerei arbeitet er als Sprecher für Hörspiele und Werbungen.

Raphaels Homepage

Auch Christine Heller wird nächste Woche aus Szekszárd abreisen. Sie spielte die Hauptrolle „Heldin“ in „Metadolce“, die kleine Gerda in Andersens Märchen „Die Schneekönigin“, die taffe Schmitt im „Bandscheibenvorfall“ und Doppelrollen in „Momo“ und „Ein Sommernachtstraum“. Sie hat sich in Ungarn in Jágó, einen vierbeinigen jungen Hund aus einem Budapester Tierheim verliebt, der sie auf ihren neuen Wegen begleiten wird. Auch sie hat bereits Erfahrung in Film- und Audioproduktionen gesammelt.

Christines Homepage

Caroline Schneider, die bei vielen deutschen Fernsehproduktionen und bei etlichen Kurzfilmen mitspielte, bevor sie nach Szekszárd kam, fand hier nicht nur Rollen, die ihr gut stehen, wie z. B. ihre Hauptrolle in „Momo“, die sie entzückend, echt und unglaublich sympathisch darstellte, sondern auch ihre große Liebe. So verlässt sie die Deutsche Bühne mit einem Babybauch, den sie auf der Minispielzeit kaum noch verbergen konnte. Mit ihrem ungarischen Freund werden sie nach Deutschland ziehen. Hoffentlich kann man sie bald auch wieder auf dem Bildschirm oder auf Bühnen bewundern.

Carolines Homepage

Michael Kehr wird nach einem Jahr in Ungarn ebenfalls Adieu sagen. Der charismatische Schauspieler, der bereits vor seiner Zeit in Szekszárd in unzähligen Theaterstücken mitspielte, konnte an der Deutschen Bühne unter Anderem in „Momo“ und „Ein Sommernachtstraum“ bewundert werden. Seine Rolle als Kruse in „Bandscheibenvorfall“ war besonders authentisch interpretiert. Einer seiner größten beruflichen Erfolge war die Hauptrolle in dem Kurzfilm „Auf dem Weg“, der am 18. April 2013 den Reiff-Medien-Preis erhielt.

Michaels Homepage

Die langjährig engagierte Katalin Lotz, Dezső Horváth und Florentin Ionescu bleiben der Deutschen Bühne weiterhin erhalten. Ab der neuen Spielzeit wird also neuer Wind auf der dortigen Bühne wehen. Das alte Ensemble wird zum letzten Mal am 3. Juni 2014 in Budapest mit „Momo“ und am 7. Juni 2014 auf dem „POSZT“ in Pécs mit dem Stück „Metadolce“ zu sehen sein.

Für euren weiteren Lebensweg wünsche ich den Heimkehrern alles Gute und hoffentlich dürfen wir euch bald wieder in Szekszárd begrüßen!

Infos zum Programm, dem Ensemble und Akuellem

Premiere von „Bandscheibenvorfall – ein Abend für Leute mit Haltungsschäden“

Am 5. April 2014 fand in der Deutschen Bühne in Szekszárd die Premiere des aus der Feder von Ingrid Lausund stammenden Stückes „Bandscheibenvorfall – ein Abend für Leute mit Haltungsschäden” statt. Der Titel ließ schon erahnen, dass dies kein leicht verdaulicher Brocken werden würde. Moralisch wie psychologisch eine tiefgreifende Reise der Gefühle – das war es, was den Zuschauer erwartete.

Das Stück ist bereits im Gange. Rechts und links der beleuchteten Tür mit der Aufschrift „Boss“ befinden sich große dreidimensionale Textreihen, die Sätze wie „Never cry in puplic again“ (Werde nie wieder in der Öffentlichkeit weinen) enthalten. Als Kulisse dienen neben der riesigen Bürotür große weiße Buchstaben, die je nach Szene verschiedene Funktionen erfüllen. In dieser Eingangsszene bilden sie Sitzmöglichkeiten für die sich fiebernd auf ein Gespräch vorbereitenden Personen und einen Stehtisch, an dem Kaffee getrunken wird.
Die fünf Protagonisten sind hektisch und aufgeregt dabei, einige der vielen auf der Bühne befindlichen Ordner zu durchwühlen, Papiere zu sortieren und sich bestmöglich vorzubereiten. Verbale Kommunikation zwischen Ihnen findet nicht statt, doch ist eindeutig, dass es sich um Rivalen handelt, um Konkurrenten, die kein gemeinsames Ziel verfolgen.
Die Spannung nimmt durch die Stille noch zu, als sich alle stumm vor dem Büro aufstellen und auf das Zeichen zum Eintritt warten. Nach und nach muss jeder einzeln in die „Höhle des Löwen“.
Der Boss, für den Zuschauer nur eine Vision, behandelt seine Mitarbeiter wie Marionetten. Die fünf Stereotypen: Die taffe, aber intrigante Businessfrau Schmitt (Christine Heller), der bis aufs kleinste Detail vorbereitete und selbstbewusste Karrierist Hufschmidt (Robert F. Martin), die kompetente und freundliche Kollegin Kristensen (Kata Lotz), der angepasste Witzemacher und Kaffeeverteiler Kretzky (Raphael Gregor Koeb) und der liebenswürdige, schwache, alles Schön redende Kruse (Michael Kehr) müssen teils einzeln, teils in Gruppen Aufgaben erfüllen. Ihr Versagen beim Chef überspielen sie, wenn sie noch die Kraft dazu haben, um vor den Anderen gut dazustehen (was mit reichlich Galgenhumor dargestellt wird, als Kristensen zum Beispiel mit einem Lächeln im Gesicht – und einem Messer im Rücken – aus dem Chefbüro kommt). Auch wenn menschliche Gefühle füreinander oder das Suchen von positiven Eigenschaften im Anderen in Nuancen existieren, schenkt keiner dem Anderen auch nur eine Minute, alle kämpfen mit Ellenbogen um die berufliche Anerkennung, die scheinbar immer ausbleibt. Teamarbeit, Menschlichkeit, Zufriedenheit? Fehlanzeige. Stattdessen: Lügen, Gewalt und Katzbuckeln.
Das Lachen fällt einem trotz der vielen humoristischen Elemente schwer und wenn es doch hervorbricht, hat man entweder ein schlechtes Gewissen (da es auf Kosten eines der Charaktere geschieht) oder es bleibt einem auf halbem Weg im Halse stecken. Es ist deprimierend diesem Menschen-Zoo beim Agieren zuzuschauen. Noch deprimierender wird es, als die Fassade trotz aller Übertünchung und Maskierung bei jedem nach und nach zu bröckeln beginnt: In emotionalen Monologen brechen Ängste, Abgestumpftheit und tiefe seelische Verletzungen hervor. Der Preis für die berufliche Anerkennung scheint zu hoch zu sein: Eigene Gedanken und Gefühle gibt es nicht mehr, das Innere eines jeden ist komplett ausgebrannt.
Zum ersten Mal sind sich die 5 einig: Es reicht! Sie gehen („ganz weit weg“). Doch dem Zuschauer ist vollkommen klar: Das sind nur leere revolutionäre Parolen, diese fünf sind durch ein unsichtbares Band für immer an ihre Arbeit und die damit verbundene Erniedrigung gebunden. Warum? Warum nur?

Die mit Übertreibung, Ironie und schwarzem Humor getränkte Inszenierung von Cristian Ban kann sich absolut sehen lassen: Er weiß genau, wie er Alltagskrieg, persönliche Gefühle und unmenschliches Miteinander darstellen muss, um den Zuschauer zu fesseln, mitzureißen und die thematischen Inhalte des Stückes wirkungsvoll an den Mann bzw. die Frau zu bringen. Mit seinem minimalistischen und gleichzeitig genial-funktionalem Bühnenbild, mit einem Paradoxon aus intimen und menschlichen Szenenbildern (z.B. auf der Toilette oder beim Bohren in der Nase) auf der einen Seite und animalischen Situationen (z.B. als sich die Menschentiere daran machen, die Eingeweide ihres Mitkollegen zu fressen) auf der anderen, mit einem fesselnden Dialogtempo und unglaublich intensiver Spielenergie wird dieses Stück zu einem modernen und aufwühlenden Theatererlebnis, das noch lange nachwirken wird.

Das Musical-artige Ende bringt keine Erlösung, der Zuschauer bleibt angespannt zurück. Zum Glück: Denn was könnte eine bessere Aussagekraft haben, als das sich im Kreis drehende und schemaartige Verhalten dieser Menschen, die, obwohl sie erkennen, dass sie so viel von sich selbst verloren haben, sogar das Ausbrechen und damit die letzte Hoffnung aufgeben. Um weiter zu katzbuckeln, denn ein krummes Rückgrat kann eben nicht wieder geradegebogen werden.

Die Genialität des Stückes wird besonders dadurch unterstrichen, dass spürbar ist, dass die Erarbeitung für alle Beteiligten bereichernd war und dass die Schauspieler ihre Charaktere nicht nur mit Know-how, sondern mit Freude zum Leben erwecken. Das Ergebnis ist eine Vorstellung von hoher künstlerischer Qualität, die in jedem Theater dieser Welt ihren Mann stehen könnte. Eine beeindruckende Bühnenleistung also, die – im Gegensatz zu ihren Protagonisten – aufrecht, souverän und direkt daherkommt.

Besetzung:

KRETZKY – Raphael Koeb
HUFSCHMIDT – Robert Martin
SCHMITT – Christine Heller
KRISTENSEN – Kata Lotz
KRUSE – Michael Kehr

Regie : Cristian Ban
Bühne und Kostüme: Albert Alpár
Premiere : 05. April 2014

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Über Josef Michaelis

Während meiner Jahre an der Hochschule lernte ich die Werke vieler Dichter und Schriftsteller kennen und einer, der mich am meisten berührte, war Josef Michaelis. Der 1955 in Somberek, in der Branau geborene Lehrer für Deutsch und Geschichte lebt und arbeitet heute in Villány.

Nach mehreren Studien und Deutschlandaufenthalten und vielen vielen Gedichten (die er um Teil auch in Mundart schrieb) hat er 1991 einen großen Erfolg mit der Herausgabe des Buches „Zauberhut“, einem Band mit Gedichten und Märchen für Kinder. Ein Jahr später folgt sein Band „Sturmvolle Zeiten“. „Treibsand“, eine Sammlung verschiedener Texte, wird 2004 herausgegeben. Der Erfolg zieht Kreise: Seine Schriften werden in verschiedene Sprachen übersetzt und in mehreren Zeitschriften und Anthologien veröffentlicht. Josef Michaelis ist vielfacher Preisträger: 2007 erhielt er den Donauschwäbischen Kulturpreis des Landes Baden-Württemberg und 2010 durfte er den Preis „Für die Minderheiten“ in Budapest aus der Hand des Staatspräsidenten Pál Schmitt entgegen nehmen.

Doch nun möchte ich endlich das Gedicht vorstellen, dass mich so sehr anrührt. Es trifft in seiner Atmosphäre und mit seinen Worten genau die Art der alten ungarndeutschen Frauen, die ich kenne. Und das erstaunliche daran ist, dass es gleich ist, ob die eine (meine Uroma) seit 70 Jahren in Deutschland lebt, da sie vertrieben wurde oder ob sie, wie die andere (ihre Kusine) ein Leben lang in ihrem ungarndeutschen Dorf gelebt hat. Auf beide trifft dieses Gedicht zu, als hätte Michaelis sie gesehen, während er diese Worte niederschrieb…

Branauer Schwäbin

Mit ihrer Enkelin

spricht sie Ungarisch

Deutsch mit ihrem Hund,

ihrer Katze,

mit Fotos,

ihrem Gebetbuch,

ihren Verstorbenen,

mit sich selbst.

Bald,

im Kleindorf

als Letzte,

mit Gott.

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Ein Sommernachtstraum (Szentivánéji álom) – Premiere der DBU am 21. Februar 2014

Endlich wieder Theater! Und was für welches! 

Am 21. Februar 2014 war es endlich soweit: Die DBU präsentierte die Premiere von Shakespeare’s „Ein Sommernachtstraum”. Beim Eintritt in den kleinen Saal wurde die Vorfreude der Zuschauer bereits beim Anblick der herrlichen Kulisse gesteigert. Blau-bunte transparente Bilder und ein kühles Licht machten den Blick auf die Bühne bereits zu einem Erlebnis. Hinter dieser konnte man Lachen und Fluchen vernehmen. Schnell füllte sich der Zuschauerraum und das Stück begann.

Die Eröffnungsszene zeigt Theseus, den Herzog von Athen (humorvoll und überzeugend gespielt von Michael Kehr) und Hyppolita, die Königin der Amazonen (gespielt von Christiane Heller). Die Hochzeit der beiden steht kurz bevor. Bald stoßen die Athener Egeus (gespielt von Károly Sili), dessen Tochter Hermia (Caroline Schneider) und ihr Liebster Lysander (Raphael Köb) dazu. Der Streit um die Vermählung Hermias entbrennt und der Herzog von Athen beschließt schließlich, dass diese Demetrius (Horgász Dezső) heiraten soll, der bei ihrem Vater Egeus bereits um ihre Hand angehalten hatte. Hermia will ihn nicht heiraten, da sie Lysander liebt und Demetrius vor ihr schon mit Helena (Ildikó Frank), ihrer Freundin, verlobt war. Theseus gibt der jungen Frau vier Tage für ihre Entscheidung: Entweder soll sie Demetrius heiraten oder aber ein Leben in einem Nonnenkloster leben beziehungsweise sterben. 

Die Verzweiflung der Liebenden ist groß, doch sie schmieden einen Plan: Des Nachts wollen sie aus Athen fliehen. Helena verrät die geplante Flucht an Demetrius, den sie anhimmelt und sich von ihm Dankbarkeit und erwiderte Gefühle erhofft.

In der nächsten Szene sieht man Athener Schauspieler (Zettel: Robert F. Martin, Flaut: Tom Pilath, Schlucker: Károly Sili) beim Kartenspiel, die Besuch von Petra Squenz (Kata Lotz) erhalten. Diese berichtet ihnen von einem neuen Stück, „Pyramus und Thisbe”, das sie bis zur Hochzeit Theseus’ einstudieren wollen. Nach kurzer Zurückhaltung gegenüber der Intensität des Spiels von Robert F. Martin gewinnt er das Publikum für sich und der Zuschauerraum ist von hellen Lachern erfüllt. Die Schauspieler klären die Rollenverteilung und besprechen eine Probe im nahen Wald für die folgende Nacht.

Doch nicht nur die jungen Liebenden und die Schauspieler streifen in dieser Nacht im Wald herum. Auch der Elfenkönig Oberon und seine Frau Titania, die Königin der Elfen, erscheinen auf der nunmehr weiß-verträumt geschmückten Bühne. Sie streiten sich um ein Menschenkind, das sie in ihr Gefolge aufnahmen und das Oberon für sich beansprucht. Puck (entzückend gespielt von Raul Ionescu), der Elfenjunge, hilft Oberon Titania einen Streich zu spielen: Der Nektar einer bestimmten Blume, die einst von Amors Pfeil getroffen wurde, bringt die Elfenkönigin dazu, sich in den Nächstbesten zu verlieben, der ihr begegnet. Aber Oberon beobachtet nicht weit von dieser Stelle den entbrandten Streit der jungen Athener. Also gibt er Puck den Auftrag, die Augen dessen mit dem Nektar zu benetzen, der vor einer jungen Athenerin verfolgt wird. Leider verwechselt Puck Lysander mit Demetrius, sodass Hermia allein im Wald aufwacht. Lysander hat sie auf der Suche nach Helena, in die er nun verliebt ist, verlassen.

Während das arme Mädchen weinend und verzweifelt nach ihrem Liebsten sucht, beginnt die Probe der Schauspieler für das Stück „Pyramus und Thisbe”. Der freche und listige kleine Puck verwandelt den Kopf Zettels in einen Esel. Die darauffolgenden Minuten sind von lauten Lachern erfüllt, die aus dem Publikumssaal zur Bühne heraufklingen. Der Esel wird so herrlich, witzig und charakteristisch gespielt, dass der Zuschauer mit den Tränen kämpfen muss, als schließlich Titania aufwacht und sich auch noch in ihn verliebt. Die Komödie ist in vollem Gang!

Verwicklungen entstehen, der Nektar zeigt seine Wirkung. Lysander rennt Helena hinterher, Hermia versteht die Welt nicht mehr und die Elfenkönigin ist in einen Esel vernarrt…

Oberon löst den Spuk in Luft auf, indem er Puck (der während des Stücks zum Publikumsliebling mutiert, da er nicht nur wunderbar listig und gewitzt ist, Gestik und Mimik für sein junges Alter hervorragend einzusetzen weiß, sondern auch ein sehr niedliches Deutsch spricht) befiehlt, alles rückgängig bzw. Demetrius in Helena verliebt zu machen. So erwachen schließlich alle und sind glücklich (und) verliebt.

Die letzte Szene sorgt für Bauchmuskelkater: Die Schauspieler aus Athen führen bei der Hochzeit von Theseus und Hyppolita ihr Stück auf. Alle Teilnehmer: Pyramus, der Löwe, die Wand und Thisbe erweisen sich als schlechte Schauspieler, doch spielen sie mit einer Hingabe, Demut und Freude am Spiel, dass sie die Sympathie des Hofstaates für sich gewinnen können. Große Künstler der Kömödie stecken wiederum in denen, die diese Figuren zum Leben erweckt haben: Die Schauspieler der DBU zeigen in dieser letzten Szene alles, was eine gute witzige Szene braucht. Das Publikum lacht mit Theseus und seinem Hochzeitsstaat.

Der Beifall aus dem Saal ist ehrlich und kräftig, obgleich er auch länger hätte sein können. Das Bühnenbild war (wie immer) kreativ und anspruchsvoll. Während des Umbaus tanzten die Kulissen Walzer, was einmal mehr die Spielfreude der Schauspieler und Regieleute unter Beweis stellt.

Besonders bunt wird die Produktion durch den Wechsel zwischen shakespearischer Sprache (Athener, Elfen) und modernem Deutsch (Schauspieler). Dem ein oder anderen Zuschauer schlägt beim Hören einiger Reime und Weisheiten des großen englischen Meisters das Herz schneller…

Das Ensemble unter der Regie von Florin Gabriel Ionescu hat an diesem Abend eine Glanzvorstellung gegeben, die es wert wäre, noch einmal besucht zu werden. Allein schon, um mal wieder richtig herzlich zu lachen.

Danke an die, die viel Herzblut und Freude in diese tolle Vorstellung gesteckt haben. Den „Sommernachtstraum” sollte man unbedingt gesehen haben!

Fotogalerie

Besetzung:

THESEUS –  Michael Kehr
HIPPOLYTA  – 
Christine Heller
PHILOSTRAT –  Raul Ionescu
EGEUS –  Károly Sili
LYSANDER – 
Raphael Köb
DEMETRIUS –  Dezső Horgász
HELENA – 
Ildikó Frank
HERMIA – 
Caroline Schneider
OBERON – 
Michael Kehr
TITANIA – 
Christine Heller
PUCK –  Raul Ionescu
ZETTEL (Pyramus) – 
Robert Martin
FLAUT (Thisbe) – 
Tom Pilath
SQUENZ, Wand, Mond  – 
Kata Lotz
SCHLUCKER, Löwe – Károly Sili

REGIE: Florin Gabriel Ionescu

Weitere Informationen zum Stück und zum Spielplan der DBU finden Sie hier.

Ungarn und Ich – Teil I

Als ich im Kindergartenalter war, verkündete ich bereits, dass ich nach Ungarn ziehen würde. Ich kann mich nicht erinnern, was ich dort wollte oder warum ich mir das wünschte, aber ich fühlte darin eine Selbstverständlichkeit, die man vielleicht auch als Berufung bezeichnen könnte. 

In meiner Kindheit verbrachte ich viele Stunden barfüßig auf den sonnenwarmen Dorfstraßen im südungarischen Újpetre, genoss den Duft von Hühnern und Hunden und war vollkommen Kind. Es fühlte sich nicht wie Urlaub an, denn es war ein Teil Heimat, nicht zuletzt, weil meine Uroma bei uns war. Sie stammt aus diesem Dorf, wurde jedoch gegen Kriegsende zusammen mit ihrer vierjährigen Tochter nach Deutschland vertrieben.  Wir nahmen sie mit auf unsere Ungarnfahrten und nachdem sie sich einen Kittel übergeworfen hatte, setzte sie sich in den Hof und blöckelte Bohnen oder flocht Paprikazöpfe mit den anderen Frauen. Sie war der Dreh- und Angelpunkt meines kindlichen Denkens, zu ihr fühle ich mich bis heute verbunden, ohne sagen zu können, was genau es ist, das uns verbindet. Sie war nie eine Frau vieler Worte, aber ich konnte mir ihrer Zuneigung und Aufmerksamkeit immer sicher sein. Dankbar waren wir, wenn sie an dunklen Winternachmittagen unserem Spiel lauschte oder für uns Nudelsuppe kochte, von der wir drei oder vier Teller aßen. Sie war immer irgendwie da: warm und duftend und bereit, uns so anzunehmen, wie wir waren. Auf mich strahlte sie eine unglaubliche Stärke aus. Ihre breiten Handgelenke und ihre kräftigen Hände, die von einem harten Leben voller Arbeit und Sorgen kündeten, mit ihren tiefen Furchen und Schwielen, verrichteten schnell und ohne Zögern jede Tätigkeit. Sie strickte, stopfte, kochte, buk, harkte und jätete und erntete im Garten und manchmal flocht sie mir die Haare. Heute noch, wenn ich nach Hause fahre oder mich verabschiede, umarmt sie mich mit solch einer Kraft, einen kurzen Augenblick nur, aber mit aller Festigkeit und Herzlichkeit, und sagt ohne Worte alles.

Sie saß dort in Újpetre in der Sommerhitze, die nur ihr nichts auszumachen schien, zu ihren Füßen Schüsseln voller Zwiebeln, Bohnen oder Paprika und ein, zwei Katzen schliefen unter ihrem Stuhl, während sie vergnügt arbeitete. Und sie sprach wieder diese weiche holprige Sprache, die ich seit Kindestagen liebte und die ich auch verstehen wollte.

Manchmal ließen wir sie für ein, zwei Wochen bei ihrer Familie, die sie so selten sah und begannen andere Teile des Landes zu erkunden. So kam es, dass ich mit sieben Jahren das erste Mal heißen (nunmehr heißgeliebten) Pusztasand unter den Füßen spürte. Von da an war es um mich geschehen: War es bisher nur ein kleines Dorf, ein Hof, ein Weinberg und die alten Frauen in ihren dunkelblauen und schwarzen Sonntagstrachten, denen ich nach dem Gottesdienst beim Plaudern zuhörte und zwischen denen ich mich glücklich fühlte, so erkannte ich nun etwas viel Größeres: Es war die Seele dieses Landes, die sich vor mir bis zum Horizont ausbreitete und mich willkommen hieß und die mich von nun an nie mehr loslassen würde.