Hausfrauenblues

Fühl mich jetzt am Abend wie die Krümel auf dem Tisch
oder wie plattgefahrene Federn auf der staubigen Straße.
Im Schneidersitz starr ich vor mich hin und seufze.
Drei Blumen fehlt immernoch frisches Wasser in der Vase.

Sogar in der Kirche bin ich heut mal gewesen,
doch außer nach Alt roch es wieder nach nichts.
Vielleicht zappt Gott gerade vor dem Fernsehapparat
bis zur erlösenden Werbung eines Fertiggerichts?

Danach hab ich getan, mich gebückt und gehoben,
hab alles verrichtet, was man so tun muss als Frau.
Hab mich beschwert über Regenwetter und –launen,
doch davon wird bekanntlich kein Himmel nie blau.

Und eigentlich ist alles überhaupt nicht so schlimm,
der Wind trug heute nur ein wenig Schwärze im Kleid.
Jetzt müsste ich meine Seele in Vanish einweichen,
bei 60 Grad dann ausspülen meine Sonntagstristheit.

Schön wär’s, wenn man mich dann in den Wind nur hängte,
wo ich bis zum purpurroten Sonnenuntergang
nur flattern und tanzen müsste bis der Tag schlafen geht
und mit diesem zusammen mein Selbstmitleidsgesang.

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Leuchtturm

Versunken in leerem Gedankenstrom
flehe ich um ein Wort.
Eines, das mich in die Höhe zieht,
weg nur von hier, nur fort.

Doch keine Angel, kein Netz, kein Halt,
kein Anker ist in Sicht.
Wortträume versinken in schwarzgelben Wogen,
in Atem raubender Gischt.

An Sterne appellierend, mit Sonne im Geist
kämpf ich mich dennoch nach oben.
Und da! Ein Wort trägt mich an den Ort,
wo einst feige Zweifel zerstoben.

Es reicht mir ein Tuch, setzt mich ins Boot,
ein Wind hisst mein treibendes Herz.
Ich lächle und danke dem Silbenbild
auf unserem Weg himmelwärts.

Dies Wort war ein schaukelndes Rettungsboot
in tränengefluteter Leere.
Es brachte das Licht einer Muse mit sich,
damit es zum Leuchtturm mir werde.

Herbarium für eine Rose

Neig’ dich doch hin zum Tal des toten Flieders,
blüh’ hinaus in schlummerndes Land,
wirst wohl des Nachts in Blätterpracht versinken,
dankbar sein für dein schönstes Gewand.

Wirst selbstgefällig deiner Schönheit götzen,
die dich keinen Stich größer gemacht,
die dir nicht zu Zukunft und Erben verholfen,
dich nur mit Mitleid bedacht.

Leiste dir keinen Blick mehr nach droben,
glaub mir, Rosen weinen niemals.
Was nützen dir lebensverlängernde Vasen,
was nützt dir schattendes Glas?

Wohl denn; Deine Blüte und Jugendlichkeit
vorbei nun und dürstend zerrinnt
deine Hand, die sich nie – wie wurzelnde Triebe –
in Sandboden krallte für ein Kind.

Sag mir, was bleibt nach einem Blütenleben,
das nie durch Nektar versüßt,
das nie von Bienen umsummt und umschwirrt,
das nie von Tau geküsst?

Vielleicht pflück’ ich dich aus moralischem Grund.
Dann kann ich dich trocknen und glätten,
und schließlich deine staubige Blütenpracht
in memoriam zu Grabe betten.

Morgen

Morgen will ich gut nur zu euch sein,
kein einziges böses Wort aussprechen,
kein Spiel durch lahme Moral ersticken,
keinen Unmut an euch richten.

Morgen will ich lachen nur und küssen,
will Wünschen nur gehorchen,
will Zeit zurück in Uhren sperren,
in heißen Sand Gespenster malen,
Spaghetti zutschen, Tee laut schlürfen
und Puppenwagen schieben.

Ich will mich auch mit schmutzig machen,
vollgekleckert Käfer taufen
und den Kindersonnentag
glücktrunken eure Hand nur halten.

Abends will ich stundenlang
erzählen und das Mondlied singen,
will bei euch sitzen bis ihr schlaft
um heimlich euch die Stirn zu küssen.

…dabei im Dunkel müdeschwer
Gott innig für euch danken,
der mich für gut genug erdacht
euch Engel zu begleiten.

Zum Abschied Nebel

Gib mir deine Hand,
ich weiß wie morgen geht.
Ich hab es gestern schon gesehen
mit dem Gesicht zur Wand.

Schau in mich hinein,
nicht wieder durch mich durch.
Bin nicht aus Glas und nicht aus Sand,
ritz’ Spuren nur in Stein.

Bitte halt mich fest
bis Nebel uns zerwehen.
Dann zieh ich weiter Richtung Licht
– wenn Gott mich gehen lässt.

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Bild von hier

Zu Besuch

Unterm Giebel knirschen nachts
der Kindheit bunte Bilder.
Ein windgehauchtes Abendlied
treibt Glockenklang herüber.

Im Dunkel schwarz und ganz erhaben
thront über mir dies Dach,
das Sturm und Hagel stets getrotzt.
Wie oft lag ich hier wach…

… und träumte von der weiten Welt,
von Freiheit, Liebe, Glück.
Und kann wohl sehen, von alledem
ist dieses Haus ein Stück.

Unterm Giebel knirschen nachts
der Kindheit bunte Bilder.
Von altbekannten Düften trunken
schlaf ich ein, mal wieder.

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Ostergedanke

Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen,
die sich über die Dinge ziehn.
Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen,
aber versuchen will ich ihn.

Ich kreise um Gott, um den uralten Turm,
und ich kreise jahrtausendelang;
und ich weiß noch nicht: Bin ich ein Falke,
ein Sturm
oder ein großer Gesang.

Rainer Maria Rilke

Frohe Ostern, ihr Blumen alle.

Kathamané

Für die älteste und schönste Blume in meinem Garten

Es ist der letzte Frühling wohl
der noch vollkommen scheint.
Ich spür’s im Märzwind, überall,
dass bald der Himmel weint.

Mit Knospen, warmem Sonnenkuss
täuscht Er und blendet Lider,
denn jeden Tag zerblüht ein Krokus.
Der Storch kommt auch nicht wieder.

Schatten zwingen deine Blüten,
Abschied leis‘ zu nehmen.
Es hilft kein Toben mehr, kein Wüten,
kein Beten, Bitten, Flehen…

Nur eins kann ich noch tun für dich:
Dir mein Versprechen geben.
Dein Blütenduft wird ewiglich
unsterblich in mir leben.

Offene Fenster

Du kommst durch’s offene Fenster.
Mit einer einzigen leichten, fließenden Bewegung stehst du vor mir.
Ich erwarte dich schon.
Glücktrunken beobachte ich, wie du dich umschaust.
Dann setzen wir uns an den Küchentisch,
ich trinke Kaffee, du trinkst Wasser.
Dann gehst du auf und ab,
während ich deinen Duft
und deine Wärme in mich aufnehme.
Schließlich hälst du inne –
und sagst: Danke für’s Warten.
Ich sage: Danke für’s Kommen. Und:
Schön, dass du da bist, Frühling.