Alice Munro: „Zu viel Glück“

„Zu viel oder zu wenig – für das Glück gibt es kein Maß, nie trifft man es richtig. Alice Munros Heldeninnen und Helden geht es nicht anders, aber die haben das Zuviel und Zuwenig erlebt: eine Balance, die nur schwer zu finden ist. Auf ihrer Suche macht Alice Munro ihre Leser zu Komplizen dieser spannenden Mission.“

„Ich bewundere Alice Munro. Ich bewundere die Direktheit ihres Erzählens, die Nüchternheit und Einfachheit ihrer Sprache. (…) Was für Geschichten, was für ein Werk!“ Bernhard Schlink, Die Welt

„Am besten man liest alles, was es von Alice Munro gibt.“ Eva Menasse, Die Welt

Die 1931 in Ontario geborene Munro erhielt 2013 den Nobelpreis für Literatur. Ihre Werke sind bis auf eine Ausnahme Erzählungsbände. Eigentlich lese ich lieber lange Romane, aber dieses Buch hat mich schon auf der ersten Seite so gefesselt, dass ich es nicht wieder ablegen konnte. Es ist das erste Buch, dass ich, seit ich Kinder habe, in relativ kurzer Zeit ausgelesen habe. Und das verdanke ich nicht nur dem unglaublich guten und einfachen Erzählungsstil, sondern wohl eher der Tatsache, dass es sich um Geschichten, um freistehende „Märchen für Erwachsene“ handelt. Die erste und die letzte Erzählung in dem Band haben mich so im Bann, dass ich immer wieder nachlese und Stellen suche, die mich besonders berührt haben. Hier ein kleiner Ausschnitt aus der letzten Erzählung: „Zu viel Glück“, die in Europa im 19. Jahrhundert spielt und deren Protagonistin eine russische Mathematikerin (Sofia Kowalewskaja) ist:

„Es gelingt ihr, die Tränen zurückzuhalten, und als der Zug Cannes erreicht, schließt er sie in seine voluminöse, gut geschnittene Bekleidung mit ihrem Geruch nach Männlichkeit – einer Mischung aus Pelztieren und teurem Tabak. Er küsst sie züchtig, fährt aber kurz mit der Zunge über ihre Lippen, zur Erinnerung an private Gelüste.

Sie hat ihn natürlich nicht daran erinnert, dass ihre Arbeit die Theorie der partiellen Differentialgleichungen zum Thema hatte und bereits seit einiger Zeit fertig ist. Sie verbringt die erste Stunde ihrer einsamen Reise so, wie sie meistens die erste Zeit nach dem Abschied von ihm verbringt – mit dem Abwägen der Zeichen von Zuneigung gegen jene der Ungeduld, von Gleichgültigkeit gegen eine gewisse begrenzte Leidenschaft.

„Denk immer daran, wenn ein Mann aus dem Zimmer geht, lässt er alles darin hinter sich“, hat ihre Freundin Marie Mendelson zu ihr gesagt. „Wenn eine Frau hinausgeht, trägt sie alles, was in dem Zimmer geschehen ist, mit sich fort.“

Bewegende Schicksale treffen in Munros Erzählungen aufeinander. In einer ihrer Geschichten berichtet sie von einer jungen Frau, deren streitsüchtiger Ehemann die drei gemeinsamen Kinder umbringt und sie ihn später in der Anstalt besucht.
Ineiner anderen Geschichte geht es um einen jungen Mann, der im Sterben liegt und von mehreren Personen gepflegt wird. Eine davon, die Masseuse des Hauses, will mit ihrer lauten und heiteren Art die ruhige, intelligente Ehefrau ausspannen und es entbrennt ein indirekter Kampf um die Liebe dieses immer schwächeren Mannes. Der zum Schluss nur eine (er-)kennt: Seine Gattin.

Abgründe des menschlichen Denkens und Tuns, gepaart mit Momenten voller Glück und Liebe – das macht die Mischung bei diesem Buch. Ein einfacher, klarer, tieffühlender Stil macht die Geschichten zu aufregenden und nachvollziehbaren Reisen zu den Schicksalen anderer Menschen. Empfehlenswert für die, die gute Geschichten lieben und für die, die das große Glück suchen.


„Am Montag bat Sofia Teresa Gulden, sich um Fufu zu kümmern.
Gegen Abend fühlte sie sich besser, und eine Krankenschwester kam, damit Teresa und Ellen sich ausruhen konnten. In den frühen Morgenstunden wachte Sofia auf. Teresa und Ellen wurden aus dem Schlaf geholt, und sie weckten Fufu, damit das Kind seine Mutter noch einmal lebend sehen konnte. Sofia vermochte nur ganz wenig zu sprechen.
Teresa meinte sie sagen zu hören: „Zu viel Glück.“

Alice Munro „Zu viel Glück“ bei Amazon

 

Werbeanzeigen