CV einer Auswanderin

Mein Name: Immer noch ich.
Mein Geburtsdatum: Ein Tag mit Schneesturm.
Meine Nationalität: Doppelte Glücksbürgerin.
Mein Land: Zweite Heimat.
Meine Sprache: Gar nicht mehr Fremd-.
Mein Glauben: Verwurzelt.
Meine Identität: Mensch mit Flügeln.

Funkel

Ich habe keine Zeit gehabt.
Keine Zeit für mich, für dich, für niemanden,
erst recht nicht für Gott.
Und auch keine für die Welt.

Aber ich habe in vielen Millisekunden
ganz kurz aus meiner Schale gelinst
und das Leben von oben gesehen,
aus der guten Perspektive.

Habe mich in meinem Leben gesehen,
wie ich

die alte Katze streichle, obwohl ich schon wieder losmuss
an der roten Ampel nach oben schaue
ein paar Sekunden länger im Auto sitzen bleibe
beim Backen mehr Teig nasche, als die Kleinen
Wolle und Stoffe entrückt bestaune
im T-Shirt Holz hole und dabei an meine Mama denke
am Fenster Regentropfen zähle, statt weiterzuputzen
die Kinder noch einmal zudecken gehe, damit ich sie noch einmal riechen und küssen kann
spät abends Kaffee trinke, nur, weil er so gut schmeckt
in der Badewanne Schnulzen lese
bis in den Morgen wach liege um die Ruhe zu feiern

kurz: wie ich doch – für Sekunden nur – innehalte,
deine Kirche in mir aufsuche, mich dort bekreuzige
und dir Danke sage
für jeden Funkel in meinem Tag.

Juni

Störche klappern ihr Liebeslied,
während das Glück leise durch die Straßen geht,
sich ab und an auf Bänke setzt,
sich an morsche Pforten lehnt,
in matte Scheiben hineinlinst,
vor alter Frauen Betten steht,
Babys beim Spielen und Krabbeln zusieht,
und bei allem ein bisschen lächelt.

Kurz darauf löscht es der Juniregen,
sodass nur Staub von ihm bleibt,
nichts, als dunkler Staub.
In Stille kam es und stille ging’s,
das Glück aus meinem Dorf.

 


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Windflüchter

Wie ein Windflüchter steh ich nach vorn gebeugt
unter der stetigen Last deiner Worte.
Mein Stamm, meine Wurzeln lassen mich nicht fliehen.
Meine Gedanken – ein Haus ohne Pforte.

Doch einem Leuchtturm gleich erleuchte ich hell
meine eigene, dunkle Not:
Hab ich doch mein Versprechen gegeben, mein Leben!
– Keine Bö nimmt mir die Butter vom Brot.

Und obwohl das mit dem Krümmen schon lange so geht,
auch an wind- und salzfreien Tagen,
ist es doch meist eine alte Laune der Natur
und nur manchmal ein inneres Klagen.

Der Trost: Windflüchter sind nicht tot zu kriegen,
sie beugen sich allen Gezeiten.
Ab und an muss man sich eben ein bisschen verbiegen,
will man das Leben bestreiten.

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Bildquelle: hier

Ganz unten

in der mülltüte
sitzt zwischen
brotresten
todesanzeigen
milchtüten
facebook-daumen
vollgeschnaubten taschentüchern
unnützen informationen
leeren plastikhüllen
käsekrümeln
müdigkeit
benutzten kaffeefiltern
und
ungenutzten möglichkeiten
mein mittlerweile schmutziges
Lyrisches Ich
und kämpft gegen den
erstickungstod.
zeit, den müll zu trennen in:
altstoffe (weg!)
reststoffe (weg!)
und
grünen punkt (weg?).
punkt.

Die letzte Glut

Zu zweit allein, zusammen einsam –
so leben sie wie Zinnsoldaten
angestellt im Dienst der Zeitlosigkeit.
In ihren Gedankenspielen
kreuzen Ideen sich nicht mehr und Wege.

Im Nebel dieser Tage
ist ein jeder leere Hülle
und nach außen hin wie Stein.

Wenn sie sich doch nur drehen könnten,
in diesen Stunden ohne Licht,
sie würde ihr Ohr an seine Eisenbrust legen
und nach seinem furchtbar leisen Herzschlag lauschen
und dann seinen Panzer küssen.

Ihr glühender Kuss würde ein kleines Loch
in seine Jahrzehnte alte Stumpfheit schneiden,
durch das ihr Herz das seine rasch
aufwecken und beatmen könnte.

Mit letzter Kraft und letzter Glut
hofft sie es zu schaffen.
Denn ohne ihn wird ihr immer kälter,
und sie will nicht – jetzt noch nicht –
in sich lebendig erfrieren.

 

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Jetzt, da es Abend ist

Jetzt, da die Sonne schläft,
lösen tausende Sterne
die Kinder vom Spielen ab
und ich sinke ein
in ein stilles, sanftes Glück.

Jetzt, da wir nur im Halbdunkel sitzen,
löst dein seliges Lächeln
das Knistern des Ofens ab
und ich sinke ein
in mein Kissen aus Abend.

Jetzt, da sich die Nacht ausstreckt,
löst dein schläfriger Körper
den meinen beim Denken ab
und wir sinken ein
in unsere Einzweisamkeit.

Kopfrauschen

Keine Ahnung, warum das Schreiben momentan nicht klappt, aber in meinem Kopf ist nur Rauschen.

Mal ist es so laut, dass ich am liebsten tausend Zeilen voll schreiben wöllte, doch ich denke bei jeder – die sagt nichts. Die reicht nicht. Das Wort ist nicht genug.

Und andermal ist es so leise, dass ich gar nichts höre, als wäre mein Kopf mit Weiß- und Grautönen benebelt.

Es ist die Unmenge an Wörtern und Sätzen, die ich Tag für Tag „konsumiere“, abspeichere, analysiere und die meinen Kopf leer und mein Herz überschwer machen.

Dieses Rauschen nervt. Ich will wieder klar sehen und klar denken können. Will nicht mehr manipuliert, umgestimmt und kategorisiert werden. Hoffentlich hört es bald auf…

Hausfrauenblues

Fühl mich jetzt am Abend wie die Krümel auf dem Tisch
oder wie plattgefahrene Federn auf der staubigen Straße.
Im Schneidersitz starr ich vor mich hin und seufze.
Drei Blumen fehlt immernoch frisches Wasser in der Vase.

Sogar in der Kirche bin ich heut mal gewesen,
doch außer nach Alt roch es wieder nach nichts.
Vielleicht zappt Gott gerade vor dem Fernsehapparat
bis zur erlösenden Werbung eines Fertiggerichts?

Danach hab ich getan, mich gebückt und gehoben,
hab alles verrichtet, was man so tun muss als Frau.
Hab mich beschwert über Regenwetter und –launen,
doch davon wird bekanntlich kein Himmel nie blau.

Und eigentlich ist alles überhaupt nicht so schlimm,
der Wind trug heute nur ein wenig Schwärze im Kleid.
Jetzt müsste ich meine Seele in Vanish einweichen,
bei 60 Grad dann ausspülen meine Sonntagstristheit.

Schön wär’s, wenn man mich dann in den Wind nur hängte,
wo ich bis zum purpurroten Sonnenuntergang
nur flattern und tanzen müsste bis der Tag schlafen geht
und mit diesem zusammen mein Selbstmitleidsgesang.