Briefe an Heute

Manchmal fühle ich mich
wie ein zerrissener Brief
mit aufgeweichter und
zerlaufener Tinte.

Wie dieser zerfetzte Brief
trage ich Sätze in mir,
die kraft- und klanglos
im Nichts verwehen.

Sätze, die ich in mancher
einsamen, zu stillen Nacht
zusammenfügte, schmeckte
und doch wieder zerriss.

Doch jede Nacht beugt die Knie
im Angesicht des Tages,
so beuge ich mich ebenfalls
vor dem, der Briefe schickte.

Und wenn Papier zu Staub zerrinnt,
dann werde ich Sein Wort
und sage dir: Hab keine Angst,
ich nehm dich bei mir auf.



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Wer euch aufnimmt, der nimmt mich auf,
und wer mich aufnimmt, der nimmt den auf,
der mich gesandt hat. (Mt. 10.40)


		
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An die Politiker Ungarns

An: Die ungarischen Politiker
Betreff: Bitte

Sehr geehrte Herren Politiker!

Ich muss mich nun Ihnen zuwenden, da ich nicht weiß, was ich sonst tun könnte. Mir scheint, als hätten Sie den Verstand (oder nur die richtige Sicht?) verloren, was Ihr Vaterland betrifft! Nun ja, vielleicht kann ich als Ausländerin Ihnen ja ein bisschen nachhelfen.
Was hier in den letzten neun Jahren passierte, nur davon kann ich sprechen. Alles andere steht – mehr oder weniger wahrheitsgetreu – in Geschichtsbüchern geschrieben. Aber auch neun Jahre sind wohl eine lange Zeit, zumindest in einem jungen Leben.
Neun Jahre, das heißt zwei politische Wenden und das, nachdem die eigentliche Wende unaufgearbeitet zwischen uns weiterrottet. Ich kam hierher, weil dieses Land etwas besitzt, was ich nirgendwo sonst auf der Welt spüren kann. Es ist ein Land, wo man sich so schnell wohl und behütet, ja – zu Hause fühlt. Ein Land, in dem die Menschen ihren Gästen ihr letztes Hemd hergeben, ohne mit der Wimper zu zucken. Ein Land, in dem man sich auf die elementaren und wichtigen Dinge des Lebens versteht, auf Gartenarbeit, Kochkunst und Familienwerte zum Beispiel. Ein Land, in dem es so viele Naturreichtümer gibt, dass ich keine Chance hätte, sie lückenfrei aufzuzählen. Ein Land, das der Sonne nah ist.
Ein Land, dessen Sprache und Kultur so reich und besonders ist, dessen alte Weisen, Wiegenlieder und Künstlerworte gesammelt und archiviert wurden und nun in den Mündern der jungen Leute liegen. Ein Land, das anders ist, als alle anderen. Auch – und vor allem – im positiven Sinne.
Nun ist es ja leider so, dass die Herren Politiker das nicht zu wissen scheinen! Erst werden die eigenen Felder an Fremde verkauft. Gleichzeitig müssen ungarische Läden schließen, da es für ausländische Ketten so einfach (und billig!) geworden ist, nach Ungarn zu kommen und hier ein Monopol zu entwickeln. Die Jugendlichen, die hier bleiben, arbeiten für einen Hungerlohn in den Firmen und Fabriken deutscher Autofirmen. Ohne Rechte, ohne Achtung.
Wer in diesem Land erfolgreich ein Unternehmen führt, wie zum Beispiel einen Tabakladen, der wird – schuppdiwupp – enteignet sozusagen, als nicht fähig abgestempelt, nur, damit die Herren Politiker eine noch fettere Suppe löffeln können. Die Schüler, die hochqualitative Lehrmedien zur Verfügung gestellt bekommen haben, werden derer beraubt und müssen sich zu immer mehreren in Klassenzimmer vor gebeutelte und erschöpfte Lehrer setzen. Der junge Mann mit den revolutionären Geschäftsideen kann diese nicht umsetzen, da er schon im zweiten Monat vor lauter finanzieller Abgaben pleite geht, zumal er ja auch noch 20 Jahre seinen Schülerkredit von anno dazumal abzahlen muss.
Und was machen Sie, geehrte Herren Politiker? Sie denken nicht daran, den Jungen und Alten eine Perspektive zu schenken. Sie denken nicht daran, diesem Land eine Chance in einem bunten Europa zu geben. Blutegeln gleich saugen und saugen und saugen Sie, bis nichts mehr ist, außer leere, blasse Hüllen…
Sehr geehrte Herr Politiker! Ich möchte Sie ganz einfach nur um eines bitten: Bitte machen Sie dieses Land nicht so kaputt! Es ist nicht nur eines der schönsten Länder dieser Erde, es ist auch ein kleines, unscheinbares Land, dem die Kraft ausgegangen ist, dem Schonung zuteil werden muss. Hören Sie auf, uns mit ihren Nachrichten zu verblöden! Hören Sie auf, uns vorzuschreiben, was und wie wir lernen sollen! Hören Sie auf, uns aus dem Land zu schicken! Und hören Sie, ich bitte flehentlich, auf, das Blut ihm auszusaugen!!

Mit verzweifelten Grüßen,

Eine, die mit Worten kämpft