Dresdner Schneeflocken

In Nachtgefäll und Schneegestöber,
geh ich froh in die Altstadt rüber
und erblicke droben Krähen
Unheimlichkeiten säen.

Von Wintergeist und Eisesfrost
scheint alles Gute weggelöst,
erfriert die Poesie –
geht zitternd in die Knie.

Jedoch im warmen Hause
– nach Tee und einer Pause –
versuch ich’s mit dem Schreiben
nach langem Händereiben.

Ich schreib’ von dunklem Schnee,
wie ich durch Dresden geh,
gedenke still dem Alten –
hör uns uns unterhalten

und an der beigen Küchenwand
da tickt die Uhr höchst arrogant
doch ich lehn’ mich zurück:
denn es ist warm, das Glück.

Werbeanzeigen

Heimweh

Ich bekomme Heimweh, wenn ich weiß, wann ich nach Hause fahren werde.
Das ist eine seltsame Sache, denn man könnte ja auch Heimweh bekommen, wenn „einem nun Mal so ist”. In meinem Fall „ist mir so”, wenn mich von daheim nur noch ein paar Tage trennen.
Ich habe, wenn es warm ist, nie Heimweh, nur wenn die Tage kürzer und die Nächte kälter werden. Das muss mit meinem Geburtstag und dem heimatlichen Advent zusammen hängen, schließlich war diese Zeit für mich als Kind die schönste. Seit diesen Tagen singe ich in jeder Vorweihnachtszeit täglich einmal alle Lieder durch, die ich kenne, nur um sie zu ehren und zu üben, damit ich auch ja keine Strophe vergesse. Das tue ich mit einem kindlichen Fleiß, obwohl ich dem Christkind oder dem Weihnachtsmann schon seit vielen Jahren nichts mehr vortragen muss.
Zu den mir liebsten Gesängen gehören „Sind die Lichter angezündet”, „Tausend Sterne sind ein Dom”, „Es ist ein Ros entspruchen”, „Maria durch ein Dornwald ging” und „Vom Himmel hoch, da komm ich her”. Aber wenn ich ehrlich bin, würde ich die Aufzählung gern weiterführen… Diese Lieder singe ich für mich und für das Kind in mir, das ich mit mir trage auf meinen neuen Wegen. Ich singe sie genau so, wie damals, habe zu den Tönen und Klängen die haargenau gleichen Bilder im Kopf.
Das ist für mich Weihnachten. Die Bilder zu diesen Liedern, die mir die Kindheit geschenkt und meine Seele bewahrt haben.
Auf einem Chorkonzert am Sonntag war ich in der katholischen Kirche in Zomba, nicht weit von meinem Dorf, mit dem Medinaer Chor. Ich saß noch nicht ganz in meiner Bank, als ich die Auftrittsliste bekam. Erster Teilnehmer: Donauschwäbischer Chor „Sonnenblume”. Wir würden erst an siebter Stelle singen. Noch während ich mir Gedanken darüber machte, ob wir während des ersten Beitrags schunkeln würden, begannen die „Sonnenblumen” ganz zart, ganz fein und ganz leicht „Maria durch ein Dornwald ging” zu singen. Beim zweiten Takt war mein Gesicht tränenüberströmt und es schüttelte mich so sehr, dass ich es kaum verbergen konnte, wie sehr mich dieses Lied auf einmal getroffen hat. Mein ganzes Inneres brannte vor Sehnsucht und Heimweh, so plötzlich war mir der Boden unter den Füßen genommen, dass ich micht nicht fangen konnte – erst dann gelang mir ein tiefer Atemzug, als die letzten Töne verklangen.
Was ich nun brauche ist eine katholische Kirche, eine Orgel und ein paar meiner Weihnachtslieder. Und während mich meine musikalische Weihnacht mit sich trägt, werde ich inmitten derer, die ich am liebsten habe, sein.
Ich wünsche all meinen Lesern und Feunden, Bekannten, aber auch allen Unbekannten dieser Welt, dass auch ihnen ein Lied erklingt, dass ihnen die Botschaft der Weihnacht und die Glückseligkeit vergangener Kindheitstage ins Herz zu pflanzen vermag.

Maria durch ein Dornwald ging

Frohe Weihnachten!

Von Vögeln, Harfen und Flöten: Ein Besuch in der Semperoper Dresden

Es verhält sich seltsam mit mir und der Oper. Ich liebe dieses Haus, seinen Anblick, seine Eleganz, seine Einrichtung, seine Bühne. Am liebsten habe ich den Flur in der ersten Etage mit den bodenlangen weißen Vorhängen, die, wie Weiden aus einem Märchen, den Blick auf Dresdens Schönheit preisgeben. Und ich liebe es manchmal für einen kurzen Moment Teil dieses Hauses sein zu dürfen, ein Gast mit einem besonderen Privileg: Ich muss nicht in der Schlange stehen um meinen Mantel abzugeben. Ich brauche auch keinen Opernführer. Die Empfangsdamen lassen mich kalt. Mein Weg führt nicht vom Haupteingang in den Zuschauersaal, sondern über den Pförtner hinter die Bühne. Selig schwebe ich meinem Vater hinterher, als wäre es wie damals, als ich als kleines Kind von ihm mitgenommen wurde, um am Fahrstand zu sitzen und meinem heißgeliebten Nussknacker zu lauschen. Beeindruckt von der Technik, den vielen Knöpfen, den Requisiten, dem Geruch der Bühne, den Tänzern, den Lichtern und der Atmosphäre dieses Hauses. Ich konnte die Menschen bei der Arbeit betrachten, die die Illusion vorbereiten, die Männer und Frauen, die die Fäden der Marionette Oper halten. Ich konnte der russischen Ballerina zusehen, wie sie zwei-, dreimal tief einatmete, sich spannte um loszufliegen, als hätte sie nie etwas anderen getan und als hätte sie nicht vor einer Minute noch wild gestikulierend mit ihren Kollegen in dieser herrlich tiefen Sprache flüsternd den gestrigen Abend besprochen.
Es ist eine Illusion, die wir sehen wollen, sehen müssen. „Das Theater ist das ergreifende Sinnbild des Lebens” – so steht es auf einem Prospekt des Hauses. Die Oper wiederum ist eine Seifenblase, fernab aller Realität und des modernen Lebens. Sie ist Bewahrerin einer Bühnenkunst, die Königen gleich das Größte ist, was dem Menschen möglich ist. Höher sitzen nur die Engel mit ihren Harfen. Unsere Engel sitzen im Orchestergraben. Das Fagott übt eifrig, es ist aufgeregt, denn es muss der Querflöte seine Liebe beweisen. Die Geigen verbünden sich, das tun sie immer, so, wie es junge Mädchen tun. Der Kontrabass genießt gelassen die Ruhe vor dem Sturm. Die Flöten zwitschern nervös, denn sie wissen, diese Oper ist ihre Hymne, ihr Glanz.
Aus meinem kleinen Zimmer gegenüber der Bühne betrachte ich das Geschehen. Noch ist niemand da, noch bin ich ganz allein mit meiner Oper. Mit meiner zauberhaften Fünfminutenuhr. Mit dem karminroten Vorhang. Mit meinem Tochtersein.
Doch dann:
Einlass geputztes Gefieder. Jung und alt drängt herein, sucht, staunt, fotografiert. Die, die noch Haare haben, tragen Schüttelschnitt oder blasslila Frisuren. „Ingrid, Melanie, hier geht’s lang!” Beim Platzgedränge gibt man sich erstaunlich gelassen, wir sind schließlich in der Oper: „Man ist ja sportlich, haha.” Als endlich alle sitzen, werden die Iphones gezückt, doch die Technik vermag das Phantom der Oper aus Schminkgeruch und Kunstgewissen nicht einzufangen. Dafür müsste man seine Seele bedingen…
Stille. Man ist nun bereit für die musische Heiligkeit dieser deckenhohen Hallen: Die Oper kann beginnen!
Und es ist, wie es für mich immer war und bei Mozart sowieso: Es zerrieselt mich vor Glück bereits im ersten Satz. Diese Heiterkeit, diese Leichtigkeit, diese Freudenhüpfer! Was wäre die Menschheit ohne die Oper-Illusion! Ohne Theater, ohne Schauspiel und Gesang? Was wäre die Menschheit ohne Genies wie Mozart? Er kannte sie, die Oper, wie kein anderer, er konnte sich in ihr frei und glanzvoll entfalten. Die Göttin der Musik ist in ihrer Form Jahrhunderte Jahre alt, sie hat sich durch alle Zeiten hindurch gehalten. Und wird das wahrscheinlich noch lange, denn selbstbewusst genug ist sie ja.
Die Stunden vergehen, die Klänge verklingen. Das Publikum klatscht, die Sänger werden bejubelt. Ich klatsche auch, denke dabei an meinen Vater und an die Vögel Papagenos. Und danke diesem Haus, dass es mich aufgenommen hat, als einen Gast unter vielen und doch ganz privat.
Beim Verlassen der Oper drehe ich mich auf dem Theaterplatz noch einmal um. Im gleisenden Sonnenlicht steht sie da, zigmal wieder aufgebaut, restauriert, ungebrochen. Kein noch so kleines Zeichen zeugt von dem Wunder, das in ihrem Inneren soeben vonstatten ging. Ich betrachte die großen Fenster, die breite Fassade und sehe die ersten Zuschauer hinausströmen.
So sag doch, goldverziertes Opernhaus, wen liebst du mehr? Den eifrigen Komponisten, den begabten Dirigenten, die schöne Ballerina, den sanften Cellisten? Oder doch das bunte Publikum? Eines steht fest: Das Publikum liebt dich, mit all deinen Akteuren zusammen, die dich und deine Illusion Tag für Tag zum Leben erwecken lassen. Die dich pflegen und hüten wie einen Schatz, der nicht verloren gehen darf. Und die dich ehren für das, was du bist: Eine stolze Königin.

Ode an Dresden

Prolog

Wie Phönix aus der Asche ist sie auferstanden. Wie Jesus aus dem Ostergrabe hat sie ihre Trümmersteine zur Seite gerollt und sich einen Weg gebahnt in die Zukunft.
Die Nachricht, die diese Stadt trägt, ist eine Warnung und zugleich eine Hoffnungsbotschaft: Wirkliche Größe kann zwar verletzt, aber nie wirklich zerstört werden.
Es sind Narben, die sie schmücken und Wunden, in denen wir stolpern. Aber sie ist sie selbst geblieben, ihr Stolz ist ungebrochen – zu Recht. Ich widme diese Gedanken als Danksagung an die wunderbarste Stadt der Welt: Dresden.


Du Königin aus Kindheitsmärchen,
so kühl und stolz und schön,
du Elbenstadt aus alten Tagen,
zu lang hab ich dich nicht gesehn.

[Intermezzo I: In der Straßenbahn]

Versuche so auszusehen, wie alle anderen. Versuche mich so zu fühlen, wie alle anderen. Bin auch nur eine Dresdnerin, auf ihrem Weg von irgendwo nach irgendwohin. Gebe mir einen gestressten Eindruck, damit es auch authentisch wirkt.
Ich betrachte die Fahrgäste aus den Augenwinkeln: Alle über 30 schauen wohlsortiert. Alle unter 30 schauen müde.
Auf der Augustusbrücke spüre ich schließlich, dass alles nur ein bisschen anders ist. Eben nur so viel, wie ich diesmal anders bin.

Goldner Reiter, starker Ritter,
sag, wie lang hältst du dich noch?
Reitest du bis ewig weiter?
Und – trägt dein Ross dies schwere Joch?

[Intermezzo II: Am Elbufer]

Die Stadt hat keine Zeit für mich, sie hat zu tun. Aber sie winkt mich dennoch freundlich durch. Kann ja auch nicht von ihr erwarten, mir einen extra Termin zu geben, da hätt’ ich mich anmelden müssen vorher. Und selbst dann… Bin etwas traurig über ihre Kühle, aber ich weiß ja, wie sie’s meint.

Der Anblick deiner goldnen Kuppeln,
die Sicht auf Sempers Opernhaus,
der Weg aus Kies im Zwingergarten,
all das betäubt mich, malt mich aus.

[Intermezzo III: Auf Pflastersteinen]

Gedankenschwämme drücken sich über mir aus. Ihr nasses, unfreundliches Wasser lass ich ungetrocknet, ich genieße es, die Gedanken überall auf der Kopfhaut zu spüren. So ist das Leben, so fühlt es sich an, wenn man es lässt! Nach einer Weile zieht der Wind an meinen Haaren, ich wünsche mir eine Mütze. Statt Strickhelm ergattere ich einen Kaffee. Beim Schlürfen stolpere und falle ich fast, dabei kenn ich diese Steine doch…?!

Grüner Park mit buntem Grase,
im Sommerlicht saß ich einst dort,
mit Freunden, lachend, Pläne schmiedend.
Nun sind sie alle – alle – fort.

[Intermezzo IV: In mir drin]

Einsamkeit ist ein gefährlicher Begleiter. Schon, um sich vor ihr und ihren Tücken zu schützen, sollte man nie unvorbereitet alleine unterwegs sein. Man wird zu schnell übers Knie gehauen, die heimatliche Butter wird einem, ehe man sich versieht, vom Brot genommen. Am schlimmsten sind die eigenen Gedanken, die konfus aus jeder Richtung strömen und den Blick zu vernebeln suchen. Den Blick auf eine Stadt, die ist, wie sie war. Ohne Wenn und Aber. Deren Mauern fest genug stehen, um sich daran anzulehnen. Ein Menschenleben lang.

Dresden, schönste Fürstenstatt,
du hoheitliche Perle.
Dein Schicksal trag ich stets mit mir,
mitten in meiner Seele.