Apfelbaum

Streich mir mit deinem Lied durch die Haare,
küss mich mit deinem Wort,
umarme mich mit diesem alten Haus
und lass mich nie mehr von hier fort.

Schenk mir ein Kind deiner Liebe,
oder zwei oder drei oder vier,
und wenn wir alt alle Stürme durchlebt,
setz dich auf diese Bank zu mir.

Dann bleiben wir unterm Apfelbaum sitzen
mit schütterem, weißen Haar,
durch das unsere Lieder noch streichen:
in Strophen, die das Leben gebar.

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Herbarium für eine Rose

Neig’ dich doch hin zum Tal des toten Flieders,
blüh’ hinaus in schlummerndes Land,
wirst wohl des Nachts in Blätterpracht versinken,
dankbar sein für dein schönstes Gewand.

Wirst selbstgefällig deiner Schönheit götzen,
die dich keinen Stich größer gemacht,
die dir nicht zu Zukunft und Erben verholfen,
dich nur mit Mitleid bedacht.

Leiste dir keinen Blick mehr nach droben,
glaub mir, Rosen weinen niemals.
Was nützen dir lebensverlängernde Vasen,
was nützt dir schattendes Glas?

Wohl denn; Deine Blüte und Jugendlichkeit
vorbei nun und dürstend zerrinnt
deine Hand, die sich nie – wie wurzelnde Triebe –
in Sandboden krallte für ein Kind.

Sag mir, was bleibt nach einem Blütenleben,
das nie durch Nektar versüßt,
das nie von Bienen umsummt und umschwirrt,
das nie von Tau geküsst?

Vielleicht pflück’ ich dich aus moralischem Grund.
Dann kann ich dich trocknen und glätten,
und schließlich deine staubige Blütenpracht
in memoriam zu Grabe betten.

Zu Besuch

Unterm Giebel knirschen nachts
der Kindheit bunte Bilder.
Ein windgehauchtes Abendlied
treibt Glockenklang herüber.

Im Dunkel schwarz und ganz erhaben
thront über mir dies Dach,
das Sturm und Hagel stets getrotzt.
Wie oft lag ich hier wach…

… und träumte von der weiten Welt,
von Freiheit, Liebe, Glück.
Und kann wohl sehen, von alledem
ist dieses Haus ein Stück.

Unterm Giebel knirschen nachts
der Kindheit bunte Bilder.
Von altbekannten Düften trunken
schlaf ich ein, mal wieder.

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Happy Birthday, kleiner Gedankengarten!

Am 26. Februar 2014 habe ich das erste Mal einen Post auf diesem Blog veröffentlicht. Das ist nun auf den Tag genau ein Jahr her und aus diesem Grund möchte ich ein paar Zeilen dazu verfassen.

In dieser Zeit hatte der Gedankengarten insgesamt 3866 Aufrufe von 1838 Besuchern, die sich unter den insgesamt 69 Posts umgesehen haben. Nachdem es ursprünglich um Literatur im Allgemeinen gehen sollte, ist dann dennoch eine kleine Gedichteplattform daraus geworden.

Zwei meiner Gedichte wurden bereits in Anthologien veröffentlicht, die Artikel über das deutsche Theater in Ungarn, die DBU, werden regelmäßig in der Zeitung der Ungarndeutschen, der Neuen Zeitung abgedruckt.

Leider hatte ich in der letzten Zeit weder Kraft noch Muse, um kreativ zu sein und Gedanken schön verpacken zu können, doch ich hoffe, dass sich das schon bald ändert. Auch im nächsten Jahr sollen eigene Gedichte und Artikel, beziehungsweise Memoiren der Kaléko an erster Stelle stehen.

Doch es geht hier nicht nur um mich und meine Schreibereien, sondern vor allem: um euch. Danke an alle, die ab und an vorbeigucken, die mir Kommentare hinterlassen oder mir andersweitig zeigen, dass ihnen die Blumen im Gedankengarten gefallen. Mir bedeutet das unheimlich viel und obwohl das Internet eine uneinsehbare riesige anonyme Welt ist, ist dieser Blog für mich wie ein kleines privates Atelier – ein kleiner Garten eben.

Danke an alle Besucher und Leser und Happy Birthday, Gedankengarten! 🙂

Wenn die Wellen über mir zusammenschlagen,
tauche ich hinab,
nach Perlen zu fischen.

Mascha Kaleko

Eure Kathamané

Im Osten nichts Neues

Im Osten nichts Neues.
Kleine Frau, was nun?
Ungarn: Ein Sommermärchen –
viel Seele, viel Illusion.

Auch im Zug nichts Neues.
Schlaf nur, mein Kind,
wir fahren und ziehen
mit heißem Steppenwind.

Sein zwischen dort
und leben zwischen hier –
gottgegebene Stunden
gleichen brennendem Papier

doch nicht kalte Asche
umsäumt meinen Weg,
sondern funkelnde Gluten
aus gelebtem Glück.

Im Osten nichts Neues.
Alt bleibt die Zeit.
Ungarn: Ein Wintermärchen –
Geträumte Wirklichkeit.

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„Es gibt keinen Weg zum Glück. Glücklichsein ist der Weg.“ – Buddha

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Letzte Hoffnung

Da stehen sie
wie Hampelmänner oder Unglücksraben
am anderen Ufer
einer tiefen, schwarzen Schlucht.

Über ihnen
zieht ein apokalyptisches Wolkenmeer
am Himmel herauf
während sie um ihr Schicksal ringen.

Ich schreie
doch der Sturm aus verlorener Zeit
trägt meine Worte
in die ewige Vergessenheit.

Voller Hoffnung
schaue ich der Sonne entgegen
die mir scheint.
Ob der Wind sie hinüberhebt?

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Dresdner Schneeflocken

In Nachtgefäll und Schneegestöber,
geh ich froh in die Altstadt rüber
und erblicke droben Krähen
Unheimlichkeiten säen.

Von Wintergeist und Eisesfrost
scheint alles Gute weggelöst,
erfriert die Poesie –
geht zitternd in die Knie.

Jedoch im warmen Hause
– nach Tee und einer Pause –
versuch ich’s mit dem Schreiben
nach langem Händereiben.

Ich schreib’ von dunklem Schnee,
wie ich durch Dresden geh,
gedenke still dem Alten –
hör uns uns unterhalten

und an der beigen Küchenwand
da tickt die Uhr höchst arrogant
doch ich lehn’ mich zurück:
denn es ist warm, das Glück.

Passepartout passé

Todesmutig
öffnet sie den Schrank.
Macht einen letzten Atemzug
und versinkt im Chaos
aus längst vergangen Tagen.

Wagemutig
kämpft sie sich hindurch,
bis alle Hoffnung erstickt,
da Bilder und Lieder
noch immer nach ihr schreien.

Heldenmütig
kämpft sie mit aller Kraft,
doch schwach geworden
ziehen sie alte Tränen fort
in ein wohlbekanntes Reich.

Wehmütig
schaut sie vom Grunde herauf.
Ihr letzter Kampf ist gekämpft.
Im Wasser geht ihr das Leben aus,
denn schwimmen hat sie nie gelernt.

„Der Alte“

(Anmerkung 1: entstanden bei heißer bzw. kalter Schokolade mit dem Pilath-Martin-Schreib-Konglomerat

Anmerkung 2: illustriert von meiner wunderbaren Schwester Theresia Kellig)

Der Alte sitzt in der Nachmittagssonne neben seiner Lieblingsbank am Seerosenteich und schaut auf die drei Enten, die zu seinen Füßen nach Krumen betteln. Es ist bereits viertel fünf und die Sonne verschwindet langsam hinter den Eichenbäumen am Rande des Parks. Von Weitem hört er die Stimmen anderer Menschen, schattengleich dringen sie an sein Ohr. Er versucht den Kopf in ihre Richtung zu drehen und schafft es wieder nicht. Eine der Enten schaut ihm lange in die Augen, als wollte sie ihr Mitleid bekunden. Super, jetzt haben sogar die Enten schon Mitleid mit mir – denkt er und schließt resigniert die Augen.

Der Wecker auf seinem Schoß zeigt 16:24. Die Zeit verrinnt langsam im Nichts, genauso wie sein Leben. 89 Jahre ist er alt, vollständig gelähmt, ohne Angehörige und Freunde. Was ihm geblieben ist, sind seine Erinnerungen. Jeden Tag sucht er sich zwei Gedanken aus. Morgens eine schlechte Erinnerung, eine, an die er eigentlich nie mehr denken wollte. Und abends eine gute, eine, die schon ganz abgenutzt ist, so oft rief er sie sich ins Gedächtnis.

Es ist 16:29. Er hat noch 16 Minuten, bis Aurélie, die Schwester kommt und ihn hineinfahren wird. Und dann wird er keinen schönen Gedanken mehr zustande bekommen, denn es dauert, bis er in seinem Bett liegt, Abendbrot durch einen Schlauch eingeführt, die Windel gewechselt und schließlich mit dröhnendem Fernseher sich selbst überlassen wird.

Ihm fallen seine Kinderjahre ein. Und da ist sie schon, die hellste aller guten Erinnerungen, die sein ganzes Erwachsenenleben erleuchtet hat. Es ist spät abends an einem lauen Frühlingstag und er liegt im Bett mit seinem zwei Jahre jüngeren Bruder und die Mutter liest ihnen den Häwelmann vor. Das Fenster ist geöffnet, der Wind weht herein und lässt die Vorhänge tanzen. Die Mutter küsst die Jungen, deckt sie bis zum Hals zu und flüstert ihnen ein: „Ich hab euch lieb!“ zu, bevor sie das Licht löscht und nach draußen geht.

Er schläft sofort ein, doch nach kurzer Zeit wird er mitten in der Nacht geweckt. Es ist die Osternacht, die heiligste aller Nächte und die Jungen müssen sich schnell anziehen, trotz der Kälte und Müdigkeit. Sie machen sich still mit ihrer Mutter auf den Weg in die dunkle Stadt. Auf ihrem leisen nächtlichen Weg begegnen sie kleinen Menschengruppen, die alle in die gleiche Richtung streben. Und da steht sie: Die weiße Kirche, hoch, festlich und erhaben. Hinter ihr ist bereits eine erste Ahnung des neuen Morgens zu erkennen. Die Menschen stehen stumm um ein riesiges Feuer, das lichterloh brennt und Funken sprüht. Er steht da, an seine Mutter geklammert und starrt in die Flammen und fühlt sich glücklich und warm. Auf einmal erklingt der Gesang der Gemeinde, sie singen von Jesus und seinem Tod, von Auferstehung und ewigem Leben. Er versteht nicht viel davon, aber er erinnert sich, dass er die friedliche Freude der Menschen um ihn herum spüren konnte. Seine Mutter reicht ihm eine Kerze, die er am Osterfeuer entzünden und in die Kirche tragen darf. Dort sitzt er dann im Weihrauchduft auf dem Schoß der Mutter, die ihm leicht über die Beine streichelt und glockenhell die Lieder der Auferstehung singt.

Es ist die letzte gute Erinnerung an sie, an ihren Geruch, an ihre Wärme und Liebe. In der nächsten Nacht stirbt sie. Der Arzt, der zur gleichen Stunde wie das Osterfeuer am Vortage gerufen wird, kann nichts mehr für sie tun. Sein Bruder und er sind nun Waise, die von einem entfernten Großonkel aufgezogen werden. Doch diesen Gedanken denkt er nicht zu Ende, denn dann wäre es keine abendliche gute Erinnerung mehr. Er denkt noch einmal kurz an seine Mutter, an ihre Hände und ihre Halsbeuge, an ihre Haare und ihre rote Strickjacke.

Und dann hört er sie schon: Die Schritte auf dem Gras und die dunkle Stimme von Schwester Aurélie, die sagt – Na, Monsieur, wieder schön weggedöst? Er kann nicht mal nicken, aber er bejaht ihre Frage mit seinen Augenlidern, die er bekräftigend schließt und wieder öffnet. Sie löst resolut die Bremse seines Rollstuhls, wendet ihn so schnell, dass er nicht mal einen letzten Blick auf seine drei enttäuschten Enten richten kann und beginnt ihn ins Haus zu schieben.

Der Alte schließt die Augen. Eine kleine Träne bahnt sich den Weg durch seine Falten und durch seinen ergrauten Stoppelbart. Es ist die letzte Träne eines alten Mannes.

 

(Fotos von Theresia Kellig hier)