Honig

Ich will die Seele an dir laben,
an deinem Licht sie stillen,
sie mit Süße ganz auffüllen –
wie Bienen ihre Waben.

Mit dir kann ich nur fliegen,
und Abendröte kosten,
Kinderherzen trösten und
mich in Frieden wiegen.

So will und muss ich’s hüten,
dies eine leise Glück,
das wir mit Fleiß bestäuben,
wie Bienen Sommerblüten.

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bilanz mit kleinen buchstaben

raketenfunkel
farbenjagd
müde, alte stunden
im sieb des tages fallen sie
in ihr tiefstes dunkel.

dezemberregen
grauschwarzgrün
die ehrliche Bilanz
sehnt sich einsam, hoffnungsschwer
nach unbekannten Wegen.

neujahrsnacht
glühweintanz
perlig-frohes dasein
die letzte uhr schlägt nun gleich zwölf
das neue jahr erwacht.

Kinderlicht

Herbstgrau zieht mir in die Kleider,

Deichwind weht vom Flusse her.

Bange Kälte zischt: Geh weg hier!

Die Dorfstraße ist menschenleer.

—–

Doch während Nebel Reigen tanzen

und Tropfen sich vereinen,

die Natur ihr Nachtlied singt –

seh’ ich am Weg die Meinen.

—–

Zwei Zwerge, hüpfend, farbenfroh

in lustig-bunten Stiefeln,

mit roten Wangen, warmer Haut,

die kleinen Nasen triefen.

—–

Ich trage keine Angst in mir,

ins Dunkle muss ich nicht,

denn in jeder Hand halt ich fest

ein kleines Weihnachtslicht.

Wie wilder Wein

Wie purpurroter wilder Wein
rank ich mich durch nachtschweres Herbstlicht.
Verhalten, im Stillen,
löst sich Blatt um Blatt
und sinkt seufzend im Wind zur Erde.

Doch der wilde Wein trauert nicht
um seine farbenfrohen tausend Kinder.
Er lässt sie los,
eins ums andere
und fällt in einsamen, tiefen Schlaf.

Er weiß: Die Zeit wird kommen,
die Zeit für seine knorrigen, bloßen Arme,
wenn diese Knospen treiben
überall, immer mehr
und er stolz sie nährt und hält.

Wie purpurroter wilder Wein
rank ich mich durch nachtschweres Herbstlicht.
Verhalten, im Stillen
will ich sein, wie er,
der weiß, dass die Sonne naht.

Ein erfülltes Leben

Tiefe Schatten im Gesicht,
müde, hohle Blicke,
so schaut sie auf aus ihrem Bett,
und grüßt leis, voller Mühe.

Aus ihrer Mitte führen Schläuche
Säfte ab in Beutel.
Unter Laken harrt der Tod
Und küsst nachts ihren Scheitel.

Sie hat auf ihrem Sterbebett
ein Buch sogar geschrieben.
Vom Kampf, von Mut, von Bitterkeit –
ein echtes Märchen eben.

Nur das Happy End bleibt aus.
Nach tausenden Visiten
ruft sie ihn, den Liebsten nun;
sie hat genug gelitten.

Ein letztes Wort, dann seine Hand –
das letzte, was sie spürt –
bevor sie lächelnd sich erlöst,
durch Gott, der sie erhört.

So ist denn Irdisches vollbracht.
Ihr Abschied, nur ein Hauch:
„Ich hatte ein erfülltes Leben
und glücklich war ich auch.“

————————

In Gedenken an Dóra Mittelholcz (1981-2014, ungarische Journalistin)
die am 29. Oktober 2014 nach vierjährigem, mutigem Kampf gegen Gebärmutterhalskrebs verstarb.

mehr dazu auf Ungarisch: hier

Sommerwaise

Nebeltücher trägt Er um den Hals
und stapft in eisgeblauten Stiefeln.
In winteralter, langer Robe
tropft Ihm Wasser ins Haar und Salz.

Wie ein schneller Schimmelreiter
eilt Er durch die fremden Straßen.
Verharrt in dunkelrauhen Ecken,
und hetzt dann rasselnd weiter.

Über ihm steht nur ein Mond heut
in dieser herbstgeladenen Nacht,
der Lichtsprenkel zur Erde schickt
und Funken auf die Wege streut.

Am Waldrand bleibt Er schließlich steh’n,
und sucht’s mit blindem Auge:
Die letzte Waise eines Sommers,
deren Blüten nun verwehen.

Bildquelle: hier

September (Auszug)

(Übersetzung aus dem Ungarischen)

Auszug aus dem Gedicht: Szeptember von István Fekete (Infos hier)

Originalgedicht hier

„Noch sind die Bäume grün und die Bäche redsam, noch wiegt sich der Wald mit sommerlichem Knistern, wenn sich der Wind auflehnt, doch die Nächte sind verstummt und legen im Geheimen heruntergefallene gelbe Blätter übereinander.
Noch öffnen sich Blüten am Wegesrand, am Stamme alter Steinkreuze, doch die Egge beerdigt bereits den Sommer…
Üppig und füllig sind die Stöcke an den lachenden Hügelhängen und Marmor reifende frohe Fässer läuten die Weinlese ein, doch Herbstkäfer beweinen schon die Abende und der Schatten der alten Nussbäume ist länger als er selbst…“

Mascha Kaléko: Herbst-Melancholie

(Ich möchte euch eines meiner Lieblingsherbstgedichte vorstellen. Meiner Meinung nach ist es einfach perfekt, anders kann ich es nicht ausdrücken. Die bedrückende Stimmung wird von der Eleganz und der Schlüssigkeit der Zeilen weggespült – zumindest geht es mir so. Lasst euch von den Worten der Kaléko die Seele verzaubern…)

—–

Mir welkt kein Garten.
Ich habe keinen.
Kein Haus, durch das Oktoberwinde weinen.
Mir tut das schwärzeste Gewölk nicht weh,
Weil ich so selten nur den Himmel seh.

Ich ziel nicht mehr auf goldne Himmelssterne.
Mich tröstet eine kleine Gaslaterne.
Mich täuscht kein Glück, enttäuscht kein Warten.
Mich schmerzt kein Herbst,
Mir welkt kein Garten…

—–