Glück

Du, Tochterkind, bist ein Schmetterling,
ein gelb-bunter Schwalbenschwanz,
mitten im Sonnentanz,
den niemand, nur das Licht einfing.

Du, mein Sohn, bist ein Katzenkind,
ein grau-weiß getigertes,
das, denn neugierig ist es,
sucht, woraus alle Dinge sind.

Ihr, meine Kinder, seid mein Firmament
denn ihr habt ein Feuer entfacht
in jener Hoffnungsnacht,
das ewiglich in meiner Seele brennt.

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Hommage an das ungarische Tiefland

Ich wollte am liebsten den ganzen Tag
dem Duft des Grases nur frönen,
mich leis’ niederlassen im lichtwarmen Sand
und mich zart betäuben vom Schönen.

Ich wollte am liebsten den ganzen Tag
schweigen und sitzen und schauen,
wie Schwalben unter Schilfdächer nun
nach emsigem Fluge abtauchen.

Ich wollte am liebsten den ganzen Tag
von morgens bis abends nur sein.
Im Einklang mit Sonnen- und Schattengespiel
am Ziehbrunnen Stunden dir weihen.

Ich wollte am liebsten den ganzen Tag
ganz still sein, einmal nur, ganz still
und barfuß Gedanken und Vögel zählen
und nichts tun, was ich nicht will.

Ich wollte am liebsten den ganzen Tag
deinen Frieden in mir aufgehen spür’n
und – als wär ich ein kleines Kind
mich sicher, geborgen fühlen.

Ich wollte am liebsten den ganzen Tag
in Einsamkeit glücklich zergeh’n
und nur dem Gesang der Akazien lauschen
und hören, wie die Winde verweh’n.

Ich wollte am liebsten den ganzen Tag
– bis Nachtschatten am Himmel aufziehen –
dir nur gehören und Teil sein in dir,
dich riechen, sehen, berühren.

Ich wollte am liebsten den ganzen Tag
diesen Tagtraum nur träumen – allein.
Und einmal, ich schwör’s, setz ich mich früh
ins Gras beim Morgentauglüh’n.

Und dort sitz ich dann bis der Abend sich legt
über das von Sonnenrot trunkene Land
und der graue Abschied mir in die Seele fährt
und meine Tränen verrinnen im Sand.

Du bist das Mühlrad

Hat der Alltag dich wieder ein?
Sei dankbar, dass das alte Rad
deiner Lebensmühle
sich weiterdreht
und nicht morsch und brüchig
ganz urplötzlich
mit einem Riesenkrach,
dich lähmend mit Schmerz
– den Geist aufgibt.

Selten ist’s, dass das Mühlenrad
ohne Kummer bricht.
Dass man dem Alltag
ohne Pein den Rücken kehrt.

Es sind doch diese Tage,
die dich tragen
und mit Leben befüllen,
und für alte Ruhezeiten
mit Erinnerungen dich verseh’n.

Sei dankbar für die Kraft
und die Stunden,
für Muse und Arbeit,
für alles, was du tust.
Denn Leben ist Arbeit,
und andersrum stimmt’s auch.
Wie wär’ schließlich dieser Alltag,
wenn wir nicht alles gäben?

Also öle dein Scharnier,
schleife dein Holz.
Dann öffne die Schleusen
und dreh dich erneut!

Mascha Kaléko: Sozusagen grundlos vergnügt

Mit diesem Gedicht wünsche ich allen einen schönen Sommersonntag! 🙂

Ich freu mich, dass am Himmel Wolken ziehen
Und dass es regnet, hagelt, friert und schneit.
Ich freu mich auch zur grünen Jahreszeit,
Wenn Heckenrosen und Holunder blühen.
– Dass Amseln flöten und dass Immen summen,
Dass Mücken stechen und dass Brummer brummen.
Dass rote Luftballons ins Blaue steigen.
Dass Spatzen schwatzen. Und dass Fische schweigen.

Ich freu mich, dass der Mond am Himmel steht
Und dass die Sonne täglich neu aufgeht.
Dass Herbst dem Sommer folgt und Lenz dem Winter,
Gefällt mir wohl. Da steckt ein Sinn dahinter,
Wenn auch die Neunmalklugen ihn nicht sehn.
Man kann nicht alles mit dem Kopf verstehen!
Ich freue mich. Das ist des Lebens Sinn.
Ich freue mich vor allem, dass ich bin.

In mir ist alles aufgeräumt und heiter:
Die Diele blitzt. Das Feuer ist geschürt.
An solchem Tag erklettert man die Leiter,
Die von der Erde in den Himmel führt.
Da kann der Mensch, wie es ihm vorgeschrieben,
– Weil er sich selber liebt – den Nächsten lieben.
Ich freue mich, dass ich mich an das Schöne
Und an das Wunder niemals ganz gewöhne.
Dass alles so erstaunlich bleibt, und neu!
Ich freue mich, dass ich … Dass ich mich freu.

Schwarzstumm


Du schreist, schließt die Tür, der Spiegel bricht.

Ich nehme ihn in die Hand.

Und blick in ein zerrissnes Gesicht,

nur zu erkennen vermag ich mich nicht.

 

Du läufst mir davon, du drehst dich nicht um.

Ich muss glauben, dass du mich hasst.

Starre nur sinnlos vor mich hin,

gekränkt, herzensfahl, seelenstumm.

 

Du lässt auf dich warten, wo bleibst du nur?

Ich komme vor Ungeduld um.

Erkenne in wildestem Stolzgetrotz:

Alles was zählt, ist unser Schwur.

 

Du kommst schließlich heim und öffnest das Tor,

siehst mich traurig und todmüde an.

Ich schweige und schließe das Schloss hinter uns

und gehe dann schwach-glücklich vor.


Rechte und Informationen über die Illustration hier

 

Gestern und dazwischen

Zwischen Unkraut reifen Beeren.

Zwischen Ärger kämpft Erwehren.

Zwischen Erbsen kuscheln Erbsen.

Zwischen Hassen zwei, die scherzten.

Zwischen Dörfern brennt Asphalt.

Zwischen Luft und Duft ist Wald.

Zwischen Tasten steht der Sinn.

Zwischen „war“ und „werde„: bin.

Zwischen Fremden siegt Instinkt.

Zwischen Herzen wächst ein Kind.

Zwischen Schritten schmerzt der Fuß.

Zwischen Träumen wärmt ein Kuss.


Zwischen uns spannt sich ein Netz.

Dazwischen zwischen allem: Jetzt.


Meine Schuld

Mein Äußerstes nach innen,
mein Innerstes nach außen;
Wie soll ichs alles wenden,
wenn in mir Geister hausen?

Soll ich den Gott dort oben
um Absolution erbitten?
Oder lieber gegen mich
selbst das Schwerte richten?

Wer ist schuld an meiner Schuld,
wer trägt die Last mit mir?
Hilft es mir ja nicht zu sagen:
„Ich kann doch nichts dafür.”

Hab falsch gewirkt, es mir verwirkt.
Ach wär’s doch ungescheh’n.
Die Einsicht kommt zu spät vielleicht,
die Schuld bleibt mir besteh’n.

Doch brauch ich keinen Richtersmann,
ich selbst bin das Gericht;
Ich: mein Herz, mein Kopf, mein Geist,
sind stark, zerbrechen nicht.

So stark, dass ich die schweren Steine
meiner Schwäche schleppe.
Ich trag sie bis zur Klagemauer,
wo ich sie niederlege.

Die ersten Tropfen fallen schon,
vermischen sich mit Tränen.
Das Wasser wäscht die Reue fort
und lässt mich mir vergeben.

Gute Nacht

Gute Nacht, nimm mich auf.
Lass frische Wunden
und unglückliche Stunden
vernarben im Schlaf.

Gute Nacht, sag mir nun:
War der Tag gelebt?
Hab ich Liebe gesät?
Was tat ich, was muss ich tun?

Gute Nacht, hör mich an.
Lass Falsches entrinnen,
auf Wahres mich besinnen,
damit ich lieben kann.

Gute Nacht, deck mich zu.
Küss meiner Kinder Wangen,
vergib, was längst vergangen,
denn nur so find ich Ruh.

Gute Nacht, sing dein Lied.
Das mit den zarten Klängen,
wie es die Elfen singen,
bis endlich der Tag entflieht.

Ode an Dresden

Prolog

Wie Phönix aus der Asche ist sie auferstanden. Wie Jesus aus dem Ostergrabe hat sie ihre Trümmersteine zur Seite gerollt und sich einen Weg gebahnt in die Zukunft.
Die Nachricht, die diese Stadt trägt, ist eine Warnung und zugleich eine Hoffnungsbotschaft: Wirkliche Größe kann zwar verletzt, aber nie wirklich zerstört werden.
Es sind Narben, die sie schmücken und Wunden, in denen wir stolpern. Aber sie ist sie selbst geblieben, ihr Stolz ist ungebrochen – zu Recht. Ich widme diese Gedanken als Danksagung an die wunderbarste Stadt der Welt: Dresden.


Du Königin aus Kindheitsmärchen,
so kühl und stolz und schön,
du Elbenstadt aus alten Tagen,
zu lang hab ich dich nicht gesehn.

[Intermezzo I: In der Straßenbahn]

Versuche so auszusehen, wie alle anderen. Versuche mich so zu fühlen, wie alle anderen. Bin auch nur eine Dresdnerin, auf ihrem Weg von irgendwo nach irgendwohin. Gebe mir einen gestressten Eindruck, damit es auch authentisch wirkt.
Ich betrachte die Fahrgäste aus den Augenwinkeln: Alle über 30 schauen wohlsortiert. Alle unter 30 schauen müde.
Auf der Augustusbrücke spüre ich schließlich, dass alles nur ein bisschen anders ist. Eben nur so viel, wie ich diesmal anders bin.

Goldner Reiter, starker Ritter,
sag, wie lang hältst du dich noch?
Reitest du bis ewig weiter?
Und – trägt dein Ross dies schwere Joch?

[Intermezzo II: Am Elbufer]

Die Stadt hat keine Zeit für mich, sie hat zu tun. Aber sie winkt mich dennoch freundlich durch. Kann ja auch nicht von ihr erwarten, mir einen extra Termin zu geben, da hätt’ ich mich anmelden müssen vorher. Und selbst dann… Bin etwas traurig über ihre Kühle, aber ich weiß ja, wie sie’s meint.

Der Anblick deiner goldnen Kuppeln,
die Sicht auf Sempers Opernhaus,
der Weg aus Kies im Zwingergarten,
all das betäubt mich, malt mich aus.

[Intermezzo III: Auf Pflastersteinen]

Gedankenschwämme drücken sich über mir aus. Ihr nasses, unfreundliches Wasser lass ich ungetrocknet, ich genieße es, die Gedanken überall auf der Kopfhaut zu spüren. So ist das Leben, so fühlt es sich an, wenn man es lässt! Nach einer Weile zieht der Wind an meinen Haaren, ich wünsche mir eine Mütze. Statt Strickhelm ergattere ich einen Kaffee. Beim Schlürfen stolpere und falle ich fast, dabei kenn ich diese Steine doch…?!

Grüner Park mit buntem Grase,
im Sommerlicht saß ich einst dort,
mit Freunden, lachend, Pläne schmiedend.
Nun sind sie alle – alle – fort.

[Intermezzo IV: In mir drin]

Einsamkeit ist ein gefährlicher Begleiter. Schon, um sich vor ihr und ihren Tücken zu schützen, sollte man nie unvorbereitet alleine unterwegs sein. Man wird zu schnell übers Knie gehauen, die heimatliche Butter wird einem, ehe man sich versieht, vom Brot genommen. Am schlimmsten sind die eigenen Gedanken, die konfus aus jeder Richtung strömen und den Blick zu vernebeln suchen. Den Blick auf eine Stadt, die ist, wie sie war. Ohne Wenn und Aber. Deren Mauern fest genug stehen, um sich daran anzulehnen. Ein Menschenleben lang.

Dresden, schönste Fürstenstatt,
du hoheitliche Perle.
Dein Schicksal trag ich stets mit mir,
mitten in meiner Seele.