kurz vor schwarz

Aus

vernebeltem Halbwissen
vergilbt-verblassten Freunden
vertrockneter Hoffnung
und grauem Weltenfrost

zerrissenen Buchstaben
heiseren Tiraden
tiefer Schockstarre
und tödlichen Herzviren

formt sich ein Herbst, der dunkler ist.

Denn mit den Zugvögeln flog uns auch die Menschlichkeit davon.

Und gegen die Kälte, die dieser Winter bringen wird,
hilft keine Wolle, kein Bett.

Europa kühlt aus, wie Blumen.

Hoffentich sind wir ausdauernd.
Und hoffentlich gewinnt das Licht.

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Wie wilder Wein

Wie purpurroter wilder Wein
rank ich mich durch nachtschweres Herbstlicht.
Verhalten, im Stillen,
löst sich Blatt um Blatt
und sinkt seufzend im Wind zur Erde.

Doch der wilde Wein trauert nicht
um seine farbenfrohen tausend Kinder.
Er lässt sie los,
eins ums andere
und fällt in einsamen, tiefen Schlaf.

Er weiß: Die Zeit wird kommen,
die Zeit für seine knorrigen, bloßen Arme,
wenn diese Knospen treiben
überall, immer mehr
und er stolz sie nährt und hält.

Wie purpurroter wilder Wein
rank ich mich durch nachtschweres Herbstlicht.
Verhalten, im Stillen
will ich sein, wie er,
der weiß, dass die Sonne naht.

Sommerwaise

Nebeltücher trägt Er um den Hals
und stapft in eisgeblauten Stiefeln.
In winteralter, langer Robe
tropft Ihm Wasser ins Haar und Salz.

Wie ein schneller Schimmelreiter
eilt Er durch die fremden Straßen.
Verharrt in dunkelrauhen Ecken,
und hetzt dann rasselnd weiter.

Über ihm steht nur ein Mond heut
in dieser herbstgeladenen Nacht,
der Lichtsprenkel zur Erde schickt
und Funken auf die Wege streut.

Am Waldrand bleibt Er schließlich steh’n,
und sucht’s mit blindem Auge:
Die letzte Waise eines Sommers,
deren Blüten nun verwehen.

Bildquelle: hier

September (Auszug)

(Übersetzung aus dem Ungarischen)

Auszug aus dem Gedicht: Szeptember von István Fekete (Infos hier)

Originalgedicht hier

„Noch sind die Bäume grün und die Bäche redsam, noch wiegt sich der Wald mit sommerlichem Knistern, wenn sich der Wind auflehnt, doch die Nächte sind verstummt und legen im Geheimen heruntergefallene gelbe Blätter übereinander.
Noch öffnen sich Blüten am Wegesrand, am Stamme alter Steinkreuze, doch die Egge beerdigt bereits den Sommer…
Üppig und füllig sind die Stöcke an den lachenden Hügelhängen und Marmor reifende frohe Fässer läuten die Weinlese ein, doch Herbstkäfer beweinen schon die Abende und der Schatten der alten Nussbäume ist länger als er selbst…“

Mascha Kaléko: Herbst-Melancholie

(Ich möchte euch eines meiner Lieblingsherbstgedichte vorstellen. Meiner Meinung nach ist es einfach perfekt, anders kann ich es nicht ausdrücken. Die bedrückende Stimmung wird von der Eleganz und der Schlüssigkeit der Zeilen weggespült – zumindest geht es mir so. Lasst euch von den Worten der Kaléko die Seele verzaubern…)

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Mir welkt kein Garten.
Ich habe keinen.
Kein Haus, durch das Oktoberwinde weinen.
Mir tut das schwärzeste Gewölk nicht weh,
Weil ich so selten nur den Himmel seh.

Ich ziel nicht mehr auf goldne Himmelssterne.
Mich tröstet eine kleine Gaslaterne.
Mich täuscht kein Glück, enttäuscht kein Warten.
Mich schmerzt kein Herbst,
Mir welkt kein Garten…

—–