Windflüchter

Wie ein Windflüchter steh ich nach vorn gebeugt
unter der stetigen Last deiner Worte.
Mein Stamm, meine Wurzeln lassen mich nicht fliehen.
Meine Gedanken – ein Haus ohne Pforte.

Doch einem Leuchtturm gleich erleuchte ich hell
meine eigene, dunkle Not:
Hab ich doch mein Versprechen gegeben, mein Leben!
– Keine Bö nimmt mir die Butter vom Brot.

Und obwohl das mit dem Krümmen schon lange so geht,
auch an wind- und salzfreien Tagen,
ist es doch meist eine alte Laune der Natur
und nur manchmal ein inneres Klagen.

Der Trost: Windflüchter sind nicht tot zu kriegen,
sie beugen sich allen Gezeiten.
Ab und an muss man sich eben ein bisschen verbiegen,
will man das Leben bestreiten.

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Bildquelle: hier

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Lichtertöne

Der letzte Frost ist kalt wie je.
Der gräm’ge Winterabendgeist,
dem Lenz den Weg zum Friedhof weist,
frisst Morgentau aus Schnee.

Die letzte Nacht ist still wie je.
Der finst’ren Dunkeleinsamkeit,
der niemand eine Träne weint,
verwelkt das Seelenweh.

Der erste Morgen lacht wie nie.
Ein Rausch aus milden Tönen
komponiert mit purem Schönen
die Hoffnungssinfonie.

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Die letzte Glut

Zu zweit allein, zusammen einsam –
so leben sie wie Zinnsoldaten
angestellt im Dienst der Zeitlosigkeit.
In ihren Gedankenspielen
kreuzen Ideen sich nicht mehr und Wege.

Im Nebel dieser Tage
ist ein jeder leere Hülle
und nach außen hin wie Stein.

Wenn sie sich doch nur drehen könnten,
in diesen Stunden ohne Licht,
sie würde ihr Ohr an seine Eisenbrust legen
und nach seinem furchtbar leisen Herzschlag lauschen
und dann seinen Panzer küssen.

Ihr glühender Kuss würde ein kleines Loch
in seine Jahrzehnte alte Stumpfheit schneiden,
durch das ihr Herz das seine rasch
aufwecken und beatmen könnte.

Mit letzter Kraft und letzter Glut
hofft sie es zu schaffen.
Denn ohne ihn wird ihr immer kälter,
und sie will nicht – jetzt noch nicht –
in sich lebendig erfrieren.

 

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Offene Fenster

Du kommst durch’s offene Fenster.
Mit einer einzigen leichten, fließenden Bewegung stehst du vor mir.
Ich erwarte dich schon.
Glücktrunken beobachte ich, wie du dich umschaust.
Dann setzen wir uns an den Küchentisch,
ich trinke Kaffee, du trinkst Wasser.
Dann gehst du auf und ab,
während ich deinen Duft
und deine Wärme in mich aufnehme.
Schließlich hälst du inne –
und sagst: Danke für’s Warten.
Ich sage: Danke für’s Kommen. Und:
Schön, dass du da bist, Frühling.

Letzte Hoffnung

Da stehen sie
wie Hampelmänner oder Unglücksraben
am anderen Ufer
einer tiefen, schwarzen Schlucht.

Über ihnen
zieht ein apokalyptisches Wolkenmeer
am Himmel herauf
während sie um ihr Schicksal ringen.

Ich schreie
doch der Sturm aus verlorener Zeit
trägt meine Worte
in die ewige Vergessenheit.

Voller Hoffnung
schaue ich der Sonne entgegen
die mir scheint.
Ob der Wind sie hinüberhebt?

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