Herr Lohse und die Blumen

Johann Lohse ist ein komischer Kauz, sagen die Leute. Sie sehen ihn nur manchmal auf der kleinen Wiese am Ende der Friedrichsstraße, dort, wo es im Sommer kühl ist und die Mütter mit ihren Kinderwagen auf Bänken sitzen. Man sieht ihn dann, wie er auf allen Vieren in der Wiese kniet. Frau Jahn, die Frau des Hausmeisters aus der 6C bemerkt dann meistens spöttisch: „Na, ob der wieder hochkommt von da unten?!“ Die anderen Frauen nicken dazu, denn alle sehen es: Johann Lohse ist nicht mehr jung. Er schleppt seinen müden, alten Körper auf krummen O-Beinen bis zu dieser Wiese, dort sinkt er auf die Knie und irgendwann steht er wieder auf. Langsam tut er das, ängstlich, da das Kreuz steif geworden ist im Laufe der Zeit.
Andere wiederum meinen zu wissen, dass Johann Lohse wirr im Kopf ist und wieder andere glauben, dass es der Krieg war, wegen dem ihm der Verstand abhanden kam. Dieser Krieg, der schon so lange her ist und der so vielen den Verstand ausgepustet hat.

Heute ist es wieder soweit, Johann Lohse schleppt sich die knorrigen Treppen aus dem dritten Stock herunter. Zuvor hat er auf dem Balkon gestanden, fast eine halbe Stunde, und hat sich, nachdem er die Wetterlage befühlte, für diesen waghalsigen Weg nach unten entschieden. Er ist in seine Stube gegangen, hat seine Strickjacke übergezogen, die, der zwei Knöpfe fehlen, hat die Pantoffel in sein einziges Paar Schuhe eingetauscht und sich, kurz bevor er die Wohnungstür öffnete, noch einmal umgedreht. Er schaute auf die Regale, die vielen staubigen Regale, voller Bücher und Mappen, deren Rücken allesamt mit seiner krakeligen Schrift gekennzeichnet sind. Die Teppiche schluckten Staub, wie sie es tagein, tagaus tun und am großen schmutzigen Fenster, gleich neben der Balkontür, steht sein Schreibtisch aus Eichenholz, auf dem Blüten, Stängel und Blätter wirr durcheinander herumlagen und auf ihn warten würden, bis er wieder zurückkam.
Er betrachtete seine Wohnung kurz, nickte sich selbst Mut zu, schloss die Wohnungstür ab und begann, die Treppen hinunterzugehen, sich fest in das abgewetzte Geländer krallend.
Es ist nicht weit bis zu seiner Wiese und doch scheint ihm der Weg unendlich. Schon von weitem sieht er durch seine Hornbrille die Mütter sitzen und ärgert sich darüber. Sie werden wieder lästern und sich ihren Teil über ihn denken. Doch eigentlich ist ihm das egal, denn er braucht sie nicht, diese Frauen und auch sonst braucht er niemanden auf der Welt: Nur seine Pflanzen braucht er, seine Herbarien, seine Kräuter und Kakteen, seine Blüten und Blätter, die er stundenlang betrachtet, trocknet, ordnet. Die er anschließend in Mappen klebt, welche er beschriftet und dann fein säuberlich in eines seiner staubigen Regale stellt.

Endlich kommt er an, auf seiner Wiese. Das Gras steht hoch, es ist Juni und die Stadtverwaltung schafft es zum Glück nicht, die Stoppel regelmäßig zu stutzen. Umso besser für mich – denkt er und geht langsam an einer vielversprechenden Stelle auf die Knie.
Er hat kaum begonnen, mit seinen faltigen, durchsichtigen Fingern Taubennessel, Löwenzahn und Hirtentäschel zu durchkämmen, als plötzlich ein glockenhelles Stimmchen an sein Ohr dringt:
„Was macht du da?“
Er hebt den Kopf und sieht sie vor sich stehen: Ein kleines Mädchen, sechs oder sieben vielleicht, so genau kann er das nicht einschätzen, mit einem Blumenkleid und zwei geflochtenen Zöpfen, die von roten Bändern zusammengehalten werden. Sie schaut ihn aus ehrlichen Augen an und er entschließt sich nach kurzem Ringen doch aufzustehen.
Ohne Vorwarnung geht ihm ein Zucken durch den schmerzenden Körper, denn ihre kleine weiße Hand hat die seine berührt. Er blickt in das Gesicht des Mädchens. Sie hält ihm ihre Hand immer noch ausgestreckt hin. Er nimmt diese kleine Hand schließlich, obwohl er weiß, dass er es nun, seiner Stütze beraubt, noch schwerer haben wird, aufzustehen. Aber er schafft es und endlich steht er Luft schnappend vor ihr und hört sie wieder fragen:
„Was machst du da?“
Er schluckt. Er sucht nach Worten, die ihm alle entfallen scheinen, so lange hat er sie nicht gebraucht. Endlich sagt er mit einer ihm fremden und seltsam knarzigen Stimme:
„Ich suche Blumen.“
„Was machst du mit den Blumen, wenn du sie gefunden hast?“
Langsam lockern sich seine Zunge und sein Verstand. Er räuspert sich erneut.
„Ich nehme sie mit nach Hause, dann trockne ich sie und dann lege ich sie in Mappen.“ „Warum?“
Das Mädchen hat den Kopf schief gelegt und blinzelt ihn neugierig an.
„Das sind meine Herbarien. Ich schreibe alles auf. Wie die Pflanze heißt, wo ich sie gefunden habe. Wie sie aussah und für …“ – er räuspert sich erneut – „für was man sie nutzen kann.“
Die Kleine schweigt. Nachdenklich schaut sie von dem Alten zu der Stelle, an der er eben noch gekniet hatte und dann auf seine Hand, in der er zwei Stängel fest umklammert hält. „Und wie heißen die da?“ fragt sie ihn schließlich.
„Das hier ist ein wildes Stiefmütterchen und die kleine Blasse hier ist eine Schachbrettblume.“
Er staunt über sich selbst während er das sagt und spürt, wie Freude ihm ins Herz kriecht. Er freut sich über dieses kleine Wesen, das da im Sonnenlicht vor ihm steht, zu ihm heraufblickt und sich für seine Blumen interessiert. Er freut sich auch über sich selbst, über seine Worte und seine Hände, die nun die Blümchen in die Hand des Mädchens legen.
„Wie heißt du denn?“
„Ich bin der alte Johann“ sagt er. „Und du?“
„Ich heiße Magdalena.“ Jetzt dreht sie sich nervös um und fängt an, auf der Stelle zu trippeln. „Ich muss nach Hause, Mama wartet mit dem Mittagessen. Zeigst du mir mal deine eingeklebten Blumen in den Mappen?“
Ein kleines Lächeln beginnt auf seinen Lippen zu zittern. Er hört es in seinem Brustkorb heftig klopfen.
„Ja…jaja, natürlich.“
Sie grinst ihn an, die Sommersprossen hüpfen auf ihrem Gesicht. Sie rennt davon, vorbei an den Müttern mit ihren Kinderwagen, vorbei an den Autos, die am Gehsteig parken. Vorbei an der Haustür der 7A, bis hin zur 9B, wo auch er wohnt.

Er schaut auf die Wiese und entschließt sich, dass es genug war für heute.
Der Heimweg fällt ihm diesmal erstaunlich leicht.

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„Der Alte“

(Anmerkung 1: entstanden bei heißer bzw. kalter Schokolade mit dem Pilath-Martin-Schreib-Konglomerat

Anmerkung 2: illustriert von meiner wunderbaren Schwester Theresia Kellig)

Der Alte sitzt in der Nachmittagssonne neben seiner Lieblingsbank am Seerosenteich und schaut auf die drei Enten, die zu seinen Füßen nach Krumen betteln. Es ist bereits viertel fünf und die Sonne verschwindet langsam hinter den Eichenbäumen am Rande des Parks. Von Weitem hört er die Stimmen anderer Menschen, schattengleich dringen sie an sein Ohr. Er versucht den Kopf in ihre Richtung zu drehen und schafft es wieder nicht. Eine der Enten schaut ihm lange in die Augen, als wollte sie ihr Mitleid bekunden. Super, jetzt haben sogar die Enten schon Mitleid mit mir – denkt er und schließt resigniert die Augen.

Der Wecker auf seinem Schoß zeigt 16:24. Die Zeit verrinnt langsam im Nichts, genauso wie sein Leben. 89 Jahre ist er alt, vollständig gelähmt, ohne Angehörige und Freunde. Was ihm geblieben ist, sind seine Erinnerungen. Jeden Tag sucht er sich zwei Gedanken aus. Morgens eine schlechte Erinnerung, eine, an die er eigentlich nie mehr denken wollte. Und abends eine gute, eine, die schon ganz abgenutzt ist, so oft rief er sie sich ins Gedächtnis.

Es ist 16:29. Er hat noch 16 Minuten, bis Aurélie, die Schwester kommt und ihn hineinfahren wird. Und dann wird er keinen schönen Gedanken mehr zustande bekommen, denn es dauert, bis er in seinem Bett liegt, Abendbrot durch einen Schlauch eingeführt, die Windel gewechselt und schließlich mit dröhnendem Fernseher sich selbst überlassen wird.

Ihm fallen seine Kinderjahre ein. Und da ist sie schon, die hellste aller guten Erinnerungen, die sein ganzes Erwachsenenleben erleuchtet hat. Es ist spät abends an einem lauen Frühlingstag und er liegt im Bett mit seinem zwei Jahre jüngeren Bruder und die Mutter liest ihnen den Häwelmann vor. Das Fenster ist geöffnet, der Wind weht herein und lässt die Vorhänge tanzen. Die Mutter küsst die Jungen, deckt sie bis zum Hals zu und flüstert ihnen ein: „Ich hab euch lieb!“ zu, bevor sie das Licht löscht und nach draußen geht.

Er schläft sofort ein, doch nach kurzer Zeit wird er mitten in der Nacht geweckt. Es ist die Osternacht, die heiligste aller Nächte und die Jungen müssen sich schnell anziehen, trotz der Kälte und Müdigkeit. Sie machen sich still mit ihrer Mutter auf den Weg in die dunkle Stadt. Auf ihrem leisen nächtlichen Weg begegnen sie kleinen Menschengruppen, die alle in die gleiche Richtung streben. Und da steht sie: Die weiße Kirche, hoch, festlich und erhaben. Hinter ihr ist bereits eine erste Ahnung des neuen Morgens zu erkennen. Die Menschen stehen stumm um ein riesiges Feuer, das lichterloh brennt und Funken sprüht. Er steht da, an seine Mutter geklammert und starrt in die Flammen und fühlt sich glücklich und warm. Auf einmal erklingt der Gesang der Gemeinde, sie singen von Jesus und seinem Tod, von Auferstehung und ewigem Leben. Er versteht nicht viel davon, aber er erinnert sich, dass er die friedliche Freude der Menschen um ihn herum spüren konnte. Seine Mutter reicht ihm eine Kerze, die er am Osterfeuer entzünden und in die Kirche tragen darf. Dort sitzt er dann im Weihrauchduft auf dem Schoß der Mutter, die ihm leicht über die Beine streichelt und glockenhell die Lieder der Auferstehung singt.

Es ist die letzte gute Erinnerung an sie, an ihren Geruch, an ihre Wärme und Liebe. In der nächsten Nacht stirbt sie. Der Arzt, der zur gleichen Stunde wie das Osterfeuer am Vortage gerufen wird, kann nichts mehr für sie tun. Sein Bruder und er sind nun Waise, die von einem entfernten Großonkel aufgezogen werden. Doch diesen Gedanken denkt er nicht zu Ende, denn dann wäre es keine abendliche gute Erinnerung mehr. Er denkt noch einmal kurz an seine Mutter, an ihre Hände und ihre Halsbeuge, an ihre Haare und ihre rote Strickjacke.

Und dann hört er sie schon: Die Schritte auf dem Gras und die dunkle Stimme von Schwester Aurélie, die sagt – Na, Monsieur, wieder schön weggedöst? Er kann nicht mal nicken, aber er bejaht ihre Frage mit seinen Augenlidern, die er bekräftigend schließt und wieder öffnet. Sie löst resolut die Bremse seines Rollstuhls, wendet ihn so schnell, dass er nicht mal einen letzten Blick auf seine drei enttäuschten Enten richten kann und beginnt ihn ins Haus zu schieben.

Der Alte schließt die Augen. Eine kleine Träne bahnt sich den Weg durch seine Falten und durch seinen ergrauten Stoppelbart. Es ist die letzte Träne eines alten Mannes.

 

(Fotos von Theresia Kellig hier)