Der Kassenzettelmann

Ich bin der Kassenzettelmann.

Was das heißt? Ich bin der, der, nachdem du fein gegessen hast, dir deinen schmutzigen Saucenmund an einer Serviette aus gestärktem Leinen abgewischt hast, aufgestanden bist und deine Wollust entsprechend bezahlt hast, kommt und die liegengebliebene Rechnung mitnimmt. Oder der den ganzen Tag im Supermarkt an der Kasse steht, von den Kassiererinnen nur mitleidig belinst und auch dort aus dem Papierkorb all die Kassenzettel einsammelt, die andere gedankenlos hineinwerfen.
Ich habe zwei Lieblingsorte. Siehst du das Lokal dort drüben? Das mit der rotweiß gestreiften Marquise? Das ist das Café Milano, dort gibt es angeblich gutes Eis. Ja, ich weiß, jetzt kannst du das nicht austesten, schließlich schneit es gerade, aber im Sommer kann man dort gutes Eis essen, sagen die Leute. Am Wochenende bin ich immer dort. Ich liebe kleine Rechnungen, auf denen nur einige wenige Dinge stehen und die durch ihre geringe Größe besonders gut aussehen, wenn man viele davon hat.
Und der andere Ort ist der Penny, vor dem ich stehe. Ein Penny wie jeder andere. Warum nicht Lidl? Nur, weil er gegenüber vom Café Milano ist, so brauch ich nicht so viel hin- und herlaufen.
An Freitagen komme ich für gewöhnlich erst sehr spät nach Hause, denn da ist im Penny die Hölle los. Jung und Alt, du weißt ja wie das ist, alle stürzen durch die Gänge, du auch, bis nichts mehr da ist. Bis sie alles weggekauft haben. Nur, um es nach zwei Wochen unangerührt wieder aus dem Kühlschrank zu werfen. Woher ich das weiß? Na ja, es hat Zeiten gegeben, da konnte ich mir diesen Luxus mit den Kassenzetteln noch nicht leisten. Da habe ich die Mülltonnen durchwühlt, nach Essbarem, nach Existenziellem, um nicht zu verrecken. Ach, jetzt guck doch nicht so angeekelt, du würdest das gleiche tun. Oh doch! Du denkst, dein Auto und deine schicken Schuhe schützen dich vor dem Hunger auf der Straße? Vor der Armut? Na gut, wenn du nachts besser schlafen kannst, dann glaub doch dran. Mir egal, ich muss erstmal ins Milano rüber. Na weil gerade eine Seniorengruppe reingegangen ist, hast du das denn nicht gesehen? Die gehen da rein, sitzen eine halbe Stunde, lassen Kaffee und Kuchen in ihre doppelkinnigen und unersättlichen Kehlen fallen und wenn sie damit fertig sind, dann gehen sie alle aufs Klo – lach nicht! – wirklich alle, glaub mir. Und dann hol ich mir meine Rechnungen! Guck mal hier, die ist von letzter Woche. Da waren junge Mütter im Milano, die hatten auch keine Zeit auf die Zettel zu achten. Schau:

Café Milano
Inhaber Fam. Wendel

1 x Cappy Orange 2,50 €
1 x Cappucchino 2,20 €
2 x Schwa.wä.ki. 4,00 €
———————————-
TOTAL: Euro 8,70 €
Mwst: 19% / 2,18 €

Da hat eine mit ihrem Kind gesessen, die haben Schwarzwälder Kirsch gegessen. Und getrunken haben sie auch und dann waren fast 9 Euro weg. Die haben 9 Euro verschluckt, jeder 4,35, inklusive Mehrwehrsteuer – beeindruckend, nicht? 9 Euro – hamm! So schnell kann’s gehen. 9 Euro und in einer halben Stunde haben sie wieder Hunger, denn unersättlich sind die Menschen, die Menschen aus dem Penny und die Menschen aus dem Café Milano. Du denkst, sie sind mal voll, nein, die könnten den ganzen Tag Geld verschlucken. Immer und immer wieder und dann rollen sie nach Hause.
Aber das alles ist mir nur recht. Ich will ja nichts von ihnen, nur die Zettel! Die Zettel! Ich hab so viele Zettel, dir würden die Augen übergehen, wenn du sie sehen würdest. Ganz viele weiße habe ich, die liegen überall, in meiner ganzen Wohnung verteilt. Ich habe nur ein paar wenige, die bunt sind, aus gelbem oder beigem Papier, die hab ich in eine Schachtel gelegt. Ach ja, und mein größter Schatz ist eine Pennyrechnung vom letzten Jahr von über 400 Euro, die hängt an meinem Bett, die reicht vom Lichtschalter bis auf den Fußboden – ja, doch! Du kannst ja mal vorbeikommen bei mir, ich zeig dir das alles! So viele Zettel hast du noch nie gesehen! Wie dem auch sei. Ich muss gehen, ich muss ins Milano. Wenn du nicht mitkommen magst – in Ordnung, dann wünsch ich dir noch einen schönen Tag. Iss dich schön satt heut Abend, schluck dein hart verdientes Geld! Und vergiss deine Tropfen vor dem Einschlafen nicht, Metall liegt bekanntlich schwer im Magen! Mach’s gut, Kumpel!

Am gestrigen Abend ereignete sich in der Eberbachstraße Höhe Pennymarkt ein tödlicher Unfall. Ein bis jetzt unbekannter Mann um die Vierzig überquerte die Straße, ohne auf den Verkehr zu achten, so Augenzeugen. Beim Überqueren der Straße wurde er vermutlich aufgrund der schlechten Wetterverhältnisse von einem Geldtransporter erfasst. Der wenige Minuten später an der Unfallstelle eintreffende Rettungsdienst konnte nur noch den Tod des Mannes feststellen. Zeugen berichteten, dass der Mann obdachlos war bzw. als „verrückt“ galt. Wer eventuelle Hinweise auf die Identität und den Wohnort der Person hat, richte sich bitte an die unten aufgeführte Kontaktperson.

Reinthal, den 23. Dezember 2014

Louise Reich, i. A. Unfallkommission d. Stadt Reinthal

 

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Herr Lohse und die Blumen

Johann Lohse ist ein komischer Kauz, sagen die Leute. Sie sehen ihn nur manchmal auf der kleinen Wiese am Ende der Friedrichsstraße, dort, wo es im Sommer kühl ist und die Mütter mit ihren Kinderwagen auf Bänken sitzen. Man sieht ihn dann, wie er auf allen Vieren in der Wiese kniet. Frau Jahn, die Frau des Hausmeisters aus der 6C bemerkt dann meistens spöttisch: „Na, ob der wieder hochkommt von da unten?!“ Die anderen Frauen nicken dazu, denn alle sehen es: Johann Lohse ist nicht mehr jung. Er schleppt seinen müden, alten Körper auf krummen O-Beinen bis zu dieser Wiese, dort sinkt er auf die Knie und irgendwann steht er wieder auf. Langsam tut er das, ängstlich, da das Kreuz steif geworden ist im Laufe der Zeit.
Andere wiederum meinen zu wissen, dass Johann Lohse wirr im Kopf ist und wieder andere glauben, dass es der Krieg war, wegen dem ihm der Verstand abhanden kam. Dieser Krieg, der schon so lange her ist und der so vielen den Verstand ausgepustet hat.

Heute ist es wieder soweit, Johann Lohse schleppt sich die knorrigen Treppen aus dem dritten Stock herunter. Zuvor hat er auf dem Balkon gestanden, fast eine halbe Stunde, und hat sich, nachdem er die Wetterlage befühlte, für diesen waghalsigen Weg nach unten entschieden. Er ist in seine Stube gegangen, hat seine Strickjacke übergezogen, die, der zwei Knöpfe fehlen, hat die Pantoffel in sein einziges Paar Schuhe eingetauscht und sich, kurz bevor er die Wohnungstür öffnete, noch einmal umgedreht. Er schaute auf die Regale, die vielen staubigen Regale, voller Bücher und Mappen, deren Rücken allesamt mit seiner krakeligen Schrift gekennzeichnet sind. Die Teppiche schluckten Staub, wie sie es tagein, tagaus tun und am großen schmutzigen Fenster, gleich neben der Balkontür, steht sein Schreibtisch aus Eichenholz, auf dem Blüten, Stängel und Blätter wirr durcheinander herumlagen und auf ihn warten würden, bis er wieder zurückkam.
Er betrachtete seine Wohnung kurz, nickte sich selbst Mut zu, schloss die Wohnungstür ab und begann, die Treppen hinunterzugehen, sich fest in das abgewetzte Geländer krallend.
Es ist nicht weit bis zu seiner Wiese und doch scheint ihm der Weg unendlich. Schon von weitem sieht er durch seine Hornbrille die Mütter sitzen und ärgert sich darüber. Sie werden wieder lästern und sich ihren Teil über ihn denken. Doch eigentlich ist ihm das egal, denn er braucht sie nicht, diese Frauen und auch sonst braucht er niemanden auf der Welt: Nur seine Pflanzen braucht er, seine Herbarien, seine Kräuter und Kakteen, seine Blüten und Blätter, die er stundenlang betrachtet, trocknet, ordnet. Die er anschließend in Mappen klebt, welche er beschriftet und dann fein säuberlich in eines seiner staubigen Regale stellt.

Endlich kommt er an, auf seiner Wiese. Das Gras steht hoch, es ist Juni und die Stadtverwaltung schafft es zum Glück nicht, die Stoppel regelmäßig zu stutzen. Umso besser für mich – denkt er und geht langsam an einer vielversprechenden Stelle auf die Knie.
Er hat kaum begonnen, mit seinen faltigen, durchsichtigen Fingern Taubennessel, Löwenzahn und Hirtentäschel zu durchkämmen, als plötzlich ein glockenhelles Stimmchen an sein Ohr dringt:
„Was macht du da?“
Er hebt den Kopf und sieht sie vor sich stehen: Ein kleines Mädchen, sechs oder sieben vielleicht, so genau kann er das nicht einschätzen, mit einem Blumenkleid und zwei geflochtenen Zöpfen, die von roten Bändern zusammengehalten werden. Sie schaut ihn aus ehrlichen Augen an und er entschließt sich nach kurzem Ringen doch aufzustehen.
Ohne Vorwarnung geht ihm ein Zucken durch den schmerzenden Körper, denn ihre kleine weiße Hand hat die seine berührt. Er blickt in das Gesicht des Mädchens. Sie hält ihm ihre Hand immer noch ausgestreckt hin. Er nimmt diese kleine Hand schließlich, obwohl er weiß, dass er es nun, seiner Stütze beraubt, noch schwerer haben wird, aufzustehen. Aber er schafft es und endlich steht er Luft schnappend vor ihr und hört sie wieder fragen:
„Was machst du da?“
Er schluckt. Er sucht nach Worten, die ihm alle entfallen scheinen, so lange hat er sie nicht gebraucht. Endlich sagt er mit einer ihm fremden und seltsam knarzigen Stimme:
„Ich suche Blumen.“
„Was machst du mit den Blumen, wenn du sie gefunden hast?“
Langsam lockern sich seine Zunge und sein Verstand. Er räuspert sich erneut.
„Ich nehme sie mit nach Hause, dann trockne ich sie und dann lege ich sie in Mappen.“ „Warum?“
Das Mädchen hat den Kopf schief gelegt und blinzelt ihn neugierig an.
„Das sind meine Herbarien. Ich schreibe alles auf. Wie die Pflanze heißt, wo ich sie gefunden habe. Wie sie aussah und für …“ – er räuspert sich erneut – „für was man sie nutzen kann.“
Die Kleine schweigt. Nachdenklich schaut sie von dem Alten zu der Stelle, an der er eben noch gekniet hatte und dann auf seine Hand, in der er zwei Stängel fest umklammert hält. „Und wie heißen die da?“ fragt sie ihn schließlich.
„Das hier ist ein wildes Stiefmütterchen und die kleine Blasse hier ist eine Schachbrettblume.“
Er staunt über sich selbst während er das sagt und spürt, wie Freude ihm ins Herz kriecht. Er freut sich über dieses kleine Wesen, das da im Sonnenlicht vor ihm steht, zu ihm heraufblickt und sich für seine Blumen interessiert. Er freut sich auch über sich selbst, über seine Worte und seine Hände, die nun die Blümchen in die Hand des Mädchens legen.
„Wie heißt du denn?“
„Ich bin der alte Johann“ sagt er. „Und du?“
„Ich heiße Magdalena.“ Jetzt dreht sie sich nervös um und fängt an, auf der Stelle zu trippeln. „Ich muss nach Hause, Mama wartet mit dem Mittagessen. Zeigst du mir mal deine eingeklebten Blumen in den Mappen?“
Ein kleines Lächeln beginnt auf seinen Lippen zu zittern. Er hört es in seinem Brustkorb heftig klopfen.
„Ja…jaja, natürlich.“
Sie grinst ihn an, die Sommersprossen hüpfen auf ihrem Gesicht. Sie rennt davon, vorbei an den Müttern mit ihren Kinderwagen, vorbei an den Autos, die am Gehsteig parken. Vorbei an der Haustür der 7A, bis hin zur 9B, wo auch er wohnt.

Er schaut auf die Wiese und entschließt sich, dass es genug war für heute.
Der Heimweg fällt ihm diesmal erstaunlich leicht.