CV einer Auswanderin

Mein Name: Immer noch ich.
Mein Geburtsdatum: Ein Tag mit Schneesturm.
Meine Nationalität: Doppelte Glücksbürgerin.
Mein Land: Zweite Heimat.
Meine Sprache: Gar nicht mehr Fremd-.
Mein Glauben: Verwurzelt.
Meine Identität: Mensch mit Flügeln.

neue alte liebe

in meinem ohr

tanzt dein lachen

und erzählt vom glück

auf meiner stirn

ruht dein kuss

über frohschweigenden Augen

 

in meiner hand

schmilzt deine haut

wie der winter

auf meinem mund

hängt dein wort

über meinem leuchtenden herz

 

in meinem körper

feiert die liebe

das fest

ihrer auferstehung

Juni

Störche klappern ihr Liebeslied,
während das Glück leise durch die Straßen geht,
sich ab und an auf Bänke setzt,
sich an morsche Pforten lehnt,
in matte Scheiben hineinlinst,
vor alter Frauen Betten steht,
Babys beim Spielen und Krabbeln zusieht,
und bei allem ein bisschen lächelt.

Kurz darauf löscht es der Juniregen,
sodass nur Staub von ihm bleibt,
nichts, als dunkler Staub.
In Stille kam es und stille ging’s,
das Glück aus meinem Dorf.

 


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Windflüchter

Wie ein Windflüchter steh ich nach vorn gebeugt
unter der stetigen Last deiner Worte.
Mein Stamm, meine Wurzeln lassen mich nicht fliehen.
Meine Gedanken – ein Haus ohne Pforte.

Doch einem Leuchtturm gleich erleuchte ich hell
meine eigene, dunkle Not:
Hab ich doch mein Versprechen gegeben, mein Leben!
– Keine Bö nimmt mir die Butter vom Brot.

Und obwohl das mit dem Krümmen schon lange so geht,
auch an wind- und salzfreien Tagen,
ist es doch meist eine alte Laune der Natur
und nur manchmal ein inneres Klagen.

Der Trost: Windflüchter sind nicht tot zu kriegen,
sie beugen sich allen Gezeiten.
Ab und an muss man sich eben ein bisschen verbiegen,
will man das Leben bestreiten.

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Bildquelle: hier

Ode an einen Sommer

Kurz vor Mitternacht

ist plötzlich der Sommer zu Ende –

kein Wind kündigt sein Sterben an

und doch wird er unter

abertausend nassen Kristallen begraben,

die mir das letzte Salz von der Stirn waschen

während ich die Arme ausbreite

und meinen krummen Rücken

und mein staubiges Gesicht

gen Himmel richte

um einen letzten Hauch

von ihm zu atmen

bevor er vergeht.

Jetzt ist es an uns

ein Licht zu entzünden

und ein letztes Lied zu spielen

ihm zu Ehren, diesem Sommer,

den in wenigen Augenblicken

auf heißen Asphalt gespült

zusammen mit meinen Tränen

aus Freude am Leben

die Erde einatmet.

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Apfelbaum

Streich mir mit deinem Lied durch die Haare,
küss mich mit deinem Wort,
umarme mich mit diesem alten Haus
und lass mich nie mehr von hier fort.

Schenk mir ein Kind deiner Liebe,
oder zwei oder drei oder vier,
und wenn wir alt alle Stürme durchlebt,
setz dich auf diese Bank zu mir.

Dann bleiben wir unterm Apfelbaum sitzen
mit schütterem, weißen Haar,
durch das unsere Lieder noch streichen:
in Strophen, die das Leben gebar.

Du bist das Mühlrad

Hat der Alltag dich wieder ein?
Sei dankbar, dass das alte Rad
deiner Lebensmühle
sich weiterdreht
und nicht morsch und brüchig
ganz urplötzlich
mit einem Riesenkrach,
dich lähmend mit Schmerz
– den Geist aufgibt.

Selten ist’s, dass das Mühlenrad
ohne Kummer bricht.
Dass man dem Alltag
ohne Pein den Rücken kehrt.

Es sind doch diese Tage,
die dich tragen
und mit Leben befüllen,
und für alte Ruhezeiten
mit Erinnerungen dich verseh’n.

Sei dankbar für die Kraft
und die Stunden,
für Muse und Arbeit,
für alles, was du tust.
Denn Leben ist Arbeit,
und andersrum stimmt’s auch.
Wie wär’ schließlich dieser Alltag,
wenn wir nicht alles gäben?

Also öle dein Scharnier,
schleife dein Holz.
Dann öffne die Schleusen
und dreh dich erneut!