Die letzte Glut

Zu zweit allein, zusammen einsam –
so leben sie wie Zinnsoldaten
angestellt im Dienst der Zeitlosigkeit.
In ihren Gedankenspielen
kreuzen Ideen sich nicht mehr und Wege.

Im Nebel dieser Tage
ist ein jeder leere Hülle
und nach außen hin wie Stein.

Wenn sie sich doch nur drehen könnten,
in diesen Stunden ohne Licht,
sie würde ihr Ohr an seine Eisenbrust legen
und nach seinem furchtbar leisen Herzschlag lauschen
und dann seinen Panzer küssen.

Ihr glühender Kuss würde ein kleines Loch
in seine Jahrzehnte alte Stumpfheit schneiden,
durch das ihr Herz das seine rasch
aufwecken und beatmen könnte.

Mit letzter Kraft und letzter Glut
hofft sie es zu schaffen.
Denn ohne ihn wird ihr immer kälter,
und sie will nicht – jetzt noch nicht –
in sich lebendig erfrieren.

 

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Hausfrauenblues

Fühl mich jetzt am Abend wie die Krümel auf dem Tisch
oder wie plattgefahrene Federn auf der staubigen Straße.
Im Schneidersitz starr ich vor mich hin und seufze.
Drei Blumen fehlt immernoch frisches Wasser in der Vase.

Sogar in der Kirche bin ich heut mal gewesen,
doch außer nach Alt roch es wieder nach nichts.
Vielleicht zappt Gott gerade vor dem Fernsehapparat
bis zur erlösenden Werbung eines Fertiggerichts?

Danach hab ich getan, mich gebückt und gehoben,
hab alles verrichtet, was man so tun muss als Frau.
Hab mich beschwert über Regenwetter und –launen,
doch davon wird bekanntlich kein Himmel nie blau.

Und eigentlich ist alles überhaupt nicht so schlimm,
der Wind trug heute nur ein wenig Schwärze im Kleid.
Jetzt müsste ich meine Seele in Vanish einweichen,
bei 60 Grad dann ausspülen meine Sonntagstristheit.

Schön wär’s, wenn man mich dann in den Wind nur hängte,
wo ich bis zum purpurroten Sonnenuntergang
nur flattern und tanzen müsste bis der Tag schlafen geht
und mit diesem zusammen mein Selbstmitleidsgesang.

Wie wilder Wein

Wie purpurroter wilder Wein
rank ich mich durch nachtschweres Herbstlicht.
Verhalten, im Stillen,
löst sich Blatt um Blatt
und sinkt seufzend im Wind zur Erde.

Doch der wilde Wein trauert nicht
um seine farbenfrohen tausend Kinder.
Er lässt sie los,
eins ums andere
und fällt in einsamen, tiefen Schlaf.

Er weiß: Die Zeit wird kommen,
die Zeit für seine knorrigen, bloßen Arme,
wenn diese Knospen treiben
überall, immer mehr
und er stolz sie nährt und hält.

Wie purpurroter wilder Wein
rank ich mich durch nachtschweres Herbstlicht.
Verhalten, im Stillen
will ich sein, wie er,
der weiß, dass die Sonne naht.

Sommerwaise

Nebeltücher trägt Er um den Hals
und stapft in eisgeblauten Stiefeln.
In winteralter, langer Robe
tropft Ihm Wasser ins Haar und Salz.

Wie ein schneller Schimmelreiter
eilt Er durch die fremden Straßen.
Verharrt in dunkelrauhen Ecken,
und hetzt dann rasselnd weiter.

Über ihm steht nur ein Mond heut
in dieser herbstgeladenen Nacht,
der Lichtsprenkel zur Erde schickt
und Funken auf die Wege streut.

Am Waldrand bleibt Er schließlich steh’n,
und sucht’s mit blindem Auge:
Die letzte Waise eines Sommers,
deren Blüten nun verwehen.

Bildquelle: hier

Passepartout passé

Todesmutig
öffnet sie den Schrank.
Macht einen letzten Atemzug
und versinkt im Chaos
aus längst vergangen Tagen.

Wagemutig
kämpft sie sich hindurch,
bis alle Hoffnung erstickt,
da Bilder und Lieder
noch immer nach ihr schreien.

Heldenmütig
kämpft sie mit aller Kraft,
doch schwach geworden
ziehen sie alte Tränen fort
in ein wohlbekanntes Reich.

Wehmütig
schaut sie vom Grunde herauf.
Ihr letzter Kampf ist gekämpft.
Im Wasser geht ihr das Leben aus,
denn schwimmen hat sie nie gelernt.

Mascha Kaléko: Herbst-Melancholie

(Ich möchte euch eines meiner Lieblingsherbstgedichte vorstellen. Meiner Meinung nach ist es einfach perfekt, anders kann ich es nicht ausdrücken. Die bedrückende Stimmung wird von der Eleganz und der Schlüssigkeit der Zeilen weggespült – zumindest geht es mir so. Lasst euch von den Worten der Kaléko die Seele verzaubern…)

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Mir welkt kein Garten.
Ich habe keinen.
Kein Haus, durch das Oktoberwinde weinen.
Mir tut das schwärzeste Gewölk nicht weh,
Weil ich so selten nur den Himmel seh.

Ich ziel nicht mehr auf goldne Himmelssterne.
Mich tröstet eine kleine Gaslaterne.
Mich täuscht kein Glück, enttäuscht kein Warten.
Mich schmerzt kein Herbst,
Mir welkt kein Garten…

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