Abschied

Ich wollte gar nichts Trauriges schreiben. Doch dann fiel mir Aylan Kurdi ein. Und mit ihm der ganze Rest.

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Unsere Meere werden zu Todesstätten
für kleine Kinder in Rot,
unsere Kunstwerke aus uraltem Stein
zum sicheren Weg in den Tod.

Unsere Cafés werden zum Trauerwall,
an dem wir Blumen ablegen,
unsere Seelen werden zu krüppeligen Höhlen,
die sich bis zum Rand füllen mit Regen.

Unsere Welt wird zum Chaos aus Angst und Macht,
in dem weder Unschuld noch Liebe
bewegen, beleben, überleben werden.
Denn unsere Erde ist eine blutende Wiege.

 

 

 

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Bild: Käthe Kollwitz „Tod, Frau und Kind“, 1910

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Ein erfülltes Leben

Tiefe Schatten im Gesicht,
müde, hohle Blicke,
so schaut sie auf aus ihrem Bett,
und grüßt leis, voller Mühe.

Aus ihrer Mitte führen Schläuche
Säfte ab in Beutel.
Unter Laken harrt der Tod
Und küsst nachts ihren Scheitel.

Sie hat auf ihrem Sterbebett
ein Buch sogar geschrieben.
Vom Kampf, von Mut, von Bitterkeit –
ein echtes Märchen eben.

Nur das Happy End bleibt aus.
Nach tausenden Visiten
ruft sie ihn, den Liebsten nun;
sie hat genug gelitten.

Ein letztes Wort, dann seine Hand –
das letzte, was sie spürt –
bevor sie lächelnd sich erlöst,
durch Gott, der sie erhört.

So ist denn Irdisches vollbracht.
Ihr Abschied, nur ein Hauch:
„Ich hatte ein erfülltes Leben
und glücklich war ich auch.“

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In Gedenken an Dóra Mittelholcz (1981-2014, ungarische Journalistin)
die am 29. Oktober 2014 nach vierjährigem, mutigem Kampf gegen Gebärmutterhalskrebs verstarb.

mehr dazu auf Ungarisch: hier