Im Osten nichts Neues

Im Osten nichts Neues.
Kleine Frau, was nun?
Ungarn: Ein Sommermärchen –
viel Seele, viel Illusion.

Auch im Zug nichts Neues.
Schlaf nur, mein Kind,
wir fahren und ziehen
mit heißem Steppenwind.

Sein zwischen dort
und leben zwischen hier –
gottgegebene Stunden
gleichen brennendem Papier

doch nicht kalte Asche
umsäumt meinen Weg,
sondern funkelnde Gluten
aus gelebtem Glück.

Im Osten nichts Neues.
Alt bleibt die Zeit.
Ungarn: Ein Wintermärchen –
Geträumte Wirklichkeit.

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„Es gibt keinen Weg zum Glück. Glücklichsein ist der Weg.“ – Buddha

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Hommage an das ungarische Tiefland

Ich wollte am liebsten den ganzen Tag
dem Duft des Grases nur frönen,
mich leis’ niederlassen im lichtwarmen Sand
und mich zart betäuben vom Schönen.

Ich wollte am liebsten den ganzen Tag
schweigen und sitzen und schauen,
wie Schwalben unter Schilfdächer nun
nach emsigem Fluge abtauchen.

Ich wollte am liebsten den ganzen Tag
von morgens bis abends nur sein.
Im Einklang mit Sonnen- und Schattengespiel
am Ziehbrunnen Stunden dir weihen.

Ich wollte am liebsten den ganzen Tag
ganz still sein, einmal nur, ganz still
und barfuß Gedanken und Vögel zählen
und nichts tun, was ich nicht will.

Ich wollte am liebsten den ganzen Tag
deinen Frieden in mir aufgehen spür’n
und – als wär ich ein kleines Kind
mich sicher, geborgen fühlen.

Ich wollte am liebsten den ganzen Tag
in Einsamkeit glücklich zergeh’n
und nur dem Gesang der Akazien lauschen
und hören, wie die Winde verweh’n.

Ich wollte am liebsten den ganzen Tag
– bis Nachtschatten am Himmel aufziehen –
dir nur gehören und Teil sein in dir,
dich riechen, sehen, berühren.

Ich wollte am liebsten den ganzen Tag
diesen Tagtraum nur träumen – allein.
Und einmal, ich schwör’s, setz ich mich früh
ins Gras beim Morgentauglüh’n.

Und dort sitz ich dann bis der Abend sich legt
über das von Sonnenrot trunkene Land
und der graue Abschied mir in die Seele fährt
und meine Tränen verrinnen im Sand.

An die Politiker Ungarns

An: Die ungarischen Politiker
Betreff: Bitte

Sehr geehrte Herren Politiker!

Ich muss mich nun Ihnen zuwenden, da ich nicht weiß, was ich sonst tun könnte. Mir scheint, als hätten Sie den Verstand (oder nur die richtige Sicht?) verloren, was Ihr Vaterland betrifft! Nun ja, vielleicht kann ich als Ausländerin Ihnen ja ein bisschen nachhelfen.
Was hier in den letzten neun Jahren passierte, nur davon kann ich sprechen. Alles andere steht – mehr oder weniger wahrheitsgetreu – in Geschichtsbüchern geschrieben. Aber auch neun Jahre sind wohl eine lange Zeit, zumindest in einem jungen Leben.
Neun Jahre, das heißt zwei politische Wenden und das, nachdem die eigentliche Wende unaufgearbeitet zwischen uns weiterrottet. Ich kam hierher, weil dieses Land etwas besitzt, was ich nirgendwo sonst auf der Welt spüren kann. Es ist ein Land, wo man sich so schnell wohl und behütet, ja – zu Hause fühlt. Ein Land, in dem die Menschen ihren Gästen ihr letztes Hemd hergeben, ohne mit der Wimper zu zucken. Ein Land, in dem man sich auf die elementaren und wichtigen Dinge des Lebens versteht, auf Gartenarbeit, Kochkunst und Familienwerte zum Beispiel. Ein Land, in dem es so viele Naturreichtümer gibt, dass ich keine Chance hätte, sie lückenfrei aufzuzählen. Ein Land, das der Sonne nah ist.
Ein Land, dessen Sprache und Kultur so reich und besonders ist, dessen alte Weisen, Wiegenlieder und Künstlerworte gesammelt und archiviert wurden und nun in den Mündern der jungen Leute liegen. Ein Land, das anders ist, als alle anderen. Auch – und vor allem – im positiven Sinne.
Nun ist es ja leider so, dass die Herren Politiker das nicht zu wissen scheinen! Erst werden die eigenen Felder an Fremde verkauft. Gleichzeitig müssen ungarische Läden schließen, da es für ausländische Ketten so einfach (und billig!) geworden ist, nach Ungarn zu kommen und hier ein Monopol zu entwickeln. Die Jugendlichen, die hier bleiben, arbeiten für einen Hungerlohn in den Firmen und Fabriken deutscher Autofirmen. Ohne Rechte, ohne Achtung.
Wer in diesem Land erfolgreich ein Unternehmen führt, wie zum Beispiel einen Tabakladen, der wird – schuppdiwupp – enteignet sozusagen, als nicht fähig abgestempelt, nur, damit die Herren Politiker eine noch fettere Suppe löffeln können. Die Schüler, die hochqualitative Lehrmedien zur Verfügung gestellt bekommen haben, werden derer beraubt und müssen sich zu immer mehreren in Klassenzimmer vor gebeutelte und erschöpfte Lehrer setzen. Der junge Mann mit den revolutionären Geschäftsideen kann diese nicht umsetzen, da er schon im zweiten Monat vor lauter finanzieller Abgaben pleite geht, zumal er ja auch noch 20 Jahre seinen Schülerkredit von anno dazumal abzahlen muss.
Und was machen Sie, geehrte Herren Politiker? Sie denken nicht daran, den Jungen und Alten eine Perspektive zu schenken. Sie denken nicht daran, diesem Land eine Chance in einem bunten Europa zu geben. Blutegeln gleich saugen und saugen und saugen Sie, bis nichts mehr ist, außer leere, blasse Hüllen…
Sehr geehrte Herr Politiker! Ich möchte Sie ganz einfach nur um eines bitten: Bitte machen Sie dieses Land nicht so kaputt! Es ist nicht nur eines der schönsten Länder dieser Erde, es ist auch ein kleines, unscheinbares Land, dem die Kraft ausgegangen ist, dem Schonung zuteil werden muss. Hören Sie auf, uns mit ihren Nachrichten zu verblöden! Hören Sie auf, uns vorzuschreiben, was und wie wir lernen sollen! Hören Sie auf, uns aus dem Land zu schicken! Und hören Sie, ich bitte flehentlich, auf, das Blut ihm auszusaugen!!

Mit verzweifelten Grüßen,

Eine, die mit Worten kämpft

 

Die Heimat (Pl. Die Heimaten)

Ehrlich gesagt hüte ich mich meist davor, mir zu viele Gedanken über den Begriff „Heimat“ zu machen. „Zu Hause sein“ ist ein Synonym, das alltäglicher klingt und vielleicht nicht so schwer wiegt. Wikipedia meint dazu:

Der Begriff Heimat verweist zumeist auf eine Beziehung zwischen Mensch und Raum. Im allgemeinen Sprachgebrauch wird er auf den Ort angewendet, in den ein Mensch hineingeboren wird und in dem die frühesten Sozialisationserlebnisse stattfinden, die zunächst Identität, Charakter, Mentalität, Einstellungen und Weltauffassungen prägen.

Für mich ist das das „Vaterland“, an das man durch seine Geburt und sein soziales / sprachliches Umfeld gebunden ist. Aber was ist dann mit denen, die ihr Vaterland verlassen? Werden sie zu Heimatlosen, zu Wanderen, die nie ans Ziel gelangen? Und was ist mit all den Deutschen, die in der Geschichte loszogen, um wo anders glücklicher zu werden, die vor Kriegen flohen und schwere Schicksalsschläge durchstehend in fremden Ländern Fuß fassen mussten? Sind sie Deutsche? Wie viel Zeit braucht es, um zu assimilieren, jemand Anderes zu werden? Und … bleibt man Deutsch?

„Vergesse nie den Ort, wo deine Wiege stand. Du findest in der Ferne kein zweites Heimatland.“

Ein Unbekannter formulierte diese Worte, die mir meine Klassenlehrerin aus der Grundschule mit auf den Weg gab. Sind diese Worte wahr? Kann man an einem anderen Ort dieser Welt eine „Heimat“ finden? Oder sind alle Versuche zum Scheitern verurteilt, wird man nie wirklich wo anders hingehören? Ist das eine Illusion, die ich empfinde, wenn ich „daheim“ in Ungarn bin? Und… verliere ich meine alte Heimat irgendwann? Was passiert mit mir nach zwanzig, dreißig Jahren, die ich nicht in Deutschland gelebt habe? Verrotten meine Wurzeln in der Erde, unerkennbar für irgendwen, dass es mich dort einmal gab? Das Lexikon drückt sich rational aus. Und doch sind es einzig und allein Gefühle, die einen binden und leiten. Keine DNA und keine Zelle meines Körpers weist auf mein Deutschsein hin..

Eine große Rolle spielt in der Assimilationsfrage auch das Alter eines Menschen, der „auswandert“. Ich bin mit 18 Jahren nach Ungarn gezogen, habe die Sprache und Kultur studiert, habe mich an zuerst seltsam anmutende Verhaltensmuster und Denkweisen gewöhnt und muss feststellen, diese zum Teil auch übernommen zu haben. Nicht selten jedoch kommt es vor, dass ich „deutsch“ reagiere und Vergleiche ziehe. Wo ist dann bitte mein Zuhause? Bin ich doch zum Teil schon so „angekommen“, weshalb ich mich in Deutschland von Zeit zu Zeit als Außenstehende fühle, weil ich in allem spüre, dass ich den Großteil des Jahres nicht da bin? Doch empfängt mich die alte Heimat, ja, so nenne ich sie, als wäre ich nie weg gewesen, mit einer Selbstverständlichkeit, einer Ruhe, die sagt: „Geh nur, aber komm zurück, dieser Ort ist immer für dich da.“ Es fühlt sich an, als würde man sich nach einer langen Reise endlich ins Bett legen und die Bettwäsche trägt den eigenen Geruch. Nicht fremd, nicht anders. Es riecht nach einem selbst.

Aus Zwang wegziehen zu müssen aus der Heimat muss eine schlimme und grausame seelische wie körperliche Erfahrung sein. Gezwungen alles zu verlassen, neu anzufangen, alles abzubrechen, zu lernen. Viele Kriegsflüchtlinge und Vertriebene berichten von einer Liebe und Dankbarkeit, die sie dem neuen Land gegenüber empfinden, wenn es gut zu ihnen ist, wenn es Arbeit gibt und die Familie überleben kann. Dankbarkeit ist ein wichtiger Schlüsselbegriff, der die Aussiedlung und die neue Heimat zu etwas machen kann, das mehr ist, als nur ein anderes Land. Ich bin dankbar für die Offenheit, Toleranz und Freude, die andere mir gegenüber zeigten, als ich versuchte in Ungarn Fuß zu fassen. Keine Steine gab es da, keine Hürden, nur Menschen, die mir die Hand reichten und mir den ebenen Weg sogar noch leichter machten. Der jugendliche Freisinn, das „Nicht-drüber-Nachdenken“ und das Wissen darüber, dass ich ein Vater-Mutter-Land habe, in das ich jederzeit zurückgehen konnte, ließen mich Ungarn so lieben lernen, wie eine Heimat geliebt werden kann. 

Mein Vaterland ist Deutschland, ein großes, schönes, vielseitiges Land, dessen Sprache und Musik ich schon immer liebte. Es gab nichts schöneres, als in der Dresdner Semperoper Arien zu lauschen, im Theater Mann-Stücke zu besuchen, Gedichte auswendig zu lernen und Romane zu analysieren. Schubert zu spielen, Beethoven zu hören und Weihnachten die alten deutschen Weisen zu singen. Dresden bei Nacht in seiner prachtvollen Schönheit zu betrachten und nicht fassen zu können, an einem so wundervollen Ort zu Hause zu sein. Ein Vaterland ist ein Land, in dem man geboren wurde, in dem man aufwuchs, eingebettet in eine Familie. Was ist also mit meinen Eltern, meinen Geschwistern und Verwandten? Habe ich sie verlassen? Haben sie mich losgelassen? Und bin ich trotzdem ein vollwertiges Familienmitglied, auch wenn ich schon in so mancher schweren oder glückseligen Lebenslage gefehlt habe?

Mein Vater, meine Mutter. Deutsche. Menschen, die mich gelehrt haben, der zu sein, der ich bin. Die mir nicht verboten, über wilde Felsen zu klettern, mir aber tröstend wieder aufhalfen, wenn ich fiel. Ein schmaler Grad in der Erziehung, festhalten, loslassen, festhalten, loslassen. Ich schrieb von Dankbarkeit dem Land gegenüber, dass einen empfängt. Und es muss auch eine Dankbarkeit geben, die denen gilt, die einen losließen. Vielleicht ist das der stärkste Liebesbeweis überhaupt, den eine Mutter ihrem Kind erweisen kann. Ohne Vorwürfe, nur mit einem geflüsterten „Du kannst immer wieder zurück“. Danke.

Und wenn wir schon mal beim Thema Familie sind: Ich habe auch eine kleine Familie, die mich nunmehr an Ungarn bindet. Zweigeteilt? Oder doppelt eins? Doppel-Herz? Ja! Statt ein Körper ohne Arme und Beine zu sein, bin ich ein Mensch, dessen Kopf zwei Sprachen spricht und dessen Herz doppelt so viel Freude und Glück empfinden kann. Hier zu sein macht mich glücklich, jeden Tag. Und aus Deutschland zu kommen, Deutsche zu sein, ebenso. Meinen Kindern möchte ich später auch einmal die Möglichkeit geben, loszufliegen. Ob sie sich als Deutsche oder Ungarn fühlen, oder aber beides sind, das kann man noch nicht sagen. Frei sollen sie sein. Ich werde ihnen vorleben, wie gut und schön und richtig es sein kann, zwei Orte auf der Welt zu haben, die man kennt und liebt. Und hoffentlich kann ich sie auch ziehen lassen…

Lew Tolstoi schrieb einst:

„Glücklich ist der, der zu Hause glücklich ist.“

Auch wenn ich noch viele Jahre hier leben werde, werde ich mich als Deutsche fühlen. Und ich denke, so ist es allen gegangen, die aus verschiedensten Gründen ihre Heimat verließen. Ungarin werde ich nicht, auch wenn ich hundert Jahre hier lebe. Das ist aber gar nicht schlimm. Denn die Ungarn haben eine Lösung für mein Dilemma parat: „Itthon“ – hier daheim und „Otthon“ – dort daheim. Was für ein unfassbar großes Glück.

Um glücklich zu sein an einem anderen Ufer des Weltmeeres braucht es zwei Dinge. Einen, der einen liebt, dort, wo man strandet und einen, der einen liebt, dort, wo man schwimmen gelernt hat.

Ungarn und Ich – Teil I

Als ich im Kindergartenalter war, verkündete ich bereits, dass ich nach Ungarn ziehen würde. Ich kann mich nicht erinnern, was ich dort wollte oder warum ich mir das wünschte, aber ich fühlte darin eine Selbstverständlichkeit, die man vielleicht auch als Berufung bezeichnen könnte. 

In meiner Kindheit verbrachte ich viele Stunden barfüßig auf den sonnenwarmen Dorfstraßen im südungarischen Újpetre, genoss den Duft von Hühnern und Hunden und war vollkommen Kind. Es fühlte sich nicht wie Urlaub an, denn es war ein Teil Heimat, nicht zuletzt, weil meine Uroma bei uns war. Sie stammt aus diesem Dorf, wurde jedoch gegen Kriegsende zusammen mit ihrer vierjährigen Tochter nach Deutschland vertrieben.  Wir nahmen sie mit auf unsere Ungarnfahrten und nachdem sie sich einen Kittel übergeworfen hatte, setzte sie sich in den Hof und blöckelte Bohnen oder flocht Paprikazöpfe mit den anderen Frauen. Sie war der Dreh- und Angelpunkt meines kindlichen Denkens, zu ihr fühle ich mich bis heute verbunden, ohne sagen zu können, was genau es ist, das uns verbindet. Sie war nie eine Frau vieler Worte, aber ich konnte mir ihrer Zuneigung und Aufmerksamkeit immer sicher sein. Dankbar waren wir, wenn sie an dunklen Winternachmittagen unserem Spiel lauschte oder für uns Nudelsuppe kochte, von der wir drei oder vier Teller aßen. Sie war immer irgendwie da: warm und duftend und bereit, uns so anzunehmen, wie wir waren. Auf mich strahlte sie eine unglaubliche Stärke aus. Ihre breiten Handgelenke und ihre kräftigen Hände, die von einem harten Leben voller Arbeit und Sorgen kündeten, mit ihren tiefen Furchen und Schwielen, verrichteten schnell und ohne Zögern jede Tätigkeit. Sie strickte, stopfte, kochte, buk, harkte und jätete und erntete im Garten und manchmal flocht sie mir die Haare. Heute noch, wenn ich nach Hause fahre oder mich verabschiede, umarmt sie mich mit solch einer Kraft, einen kurzen Augenblick nur, aber mit aller Festigkeit und Herzlichkeit, und sagt ohne Worte alles.

Sie saß dort in Újpetre in der Sommerhitze, die nur ihr nichts auszumachen schien, zu ihren Füßen Schüsseln voller Zwiebeln, Bohnen oder Paprika und ein, zwei Katzen schliefen unter ihrem Stuhl, während sie vergnügt arbeitete. Und sie sprach wieder diese weiche holprige Sprache, die ich seit Kindestagen liebte und die ich auch verstehen wollte.

Manchmal ließen wir sie für ein, zwei Wochen bei ihrer Familie, die sie so selten sah und begannen andere Teile des Landes zu erkunden. So kam es, dass ich mit sieben Jahren das erste Mal heißen (nunmehr heißgeliebten) Pusztasand unter den Füßen spürte. Von da an war es um mich geschehen: War es bisher nur ein kleines Dorf, ein Hof, ein Weinberg und die alten Frauen in ihren dunkelblauen und schwarzen Sonntagstrachten, denen ich nach dem Gottesdienst beim Plaudern zuhörte und zwischen denen ich mich glücklich fühlte, so erkannte ich nun etwas viel Größeres: Es war die Seele dieses Landes, die sich vor mir bis zum Horizont ausbreitete und mich willkommen hieß und die mich von nun an nie mehr loslassen würde.